Bundespräsident
Zwei Versuche für den Eid

Szenenwechsel: Hinter dem Schloss Bellevue ist eine militärische Ehrenformation zur offiziellen Begrüßung des neuen Hausherrn angetreten. An der Seite des Generalinspekteurs der Bundeswehr betritt Christian Wulff jenes Stück Textil, das von nun an einen Teil seiner Welt bedeuten wird. Langsam schreiten die Herrn über den roten Teppich. Plötzlich fasst Volker Wiekers linke Hand Christian Wulffs rechte. Ein dezenter Hinweis, dass der Herr Bundespräsident sich jetzt, bitte schön, kurz den Soldaten zuwenden muss. Das Staatsoberhaupt in Ausbildung zum Auftakt etwa tapsig - war es nicht genau dies (in seinem Fall bis zum Schluss) Unroutinierte, das zu Horst Köhlers Popularität beigetragen hat?
Sichtlich befangen geht Christian Wulff (51) die ersten Schritte ins neue Amt. Und wie bei seinem Vorgänger findet sich gleich einer, der seine Rhetorik bemosert. "Eine ordentliche Rede, aber keine herausragende", kommentiert der Chef des Redenschreiberverbandes, Vazrik Bazil, Wulffs kurzen Antrittsauftritt im Bundestag.
Unten im Rund des Plenarsaals saß, um Fassung ringend, Horst Köhler und lauschte dem Lob seiner Sensibilität, das die Präsidenten von Bundestag und Bundesrat, Norbert Lammert und Jens Börnsen sowie sein Nachfolger über ihn ausgossen. Auf der Zuschauertribüne hockte Joachim Gauck, dem Wulff (wie der Linkskandidatin Luc Jochimsen) für den "fairen Wettstreit" dankte. Brav nickte der Ex-Kandidat, als der Sieger ihn bat, weiter vom SED-Unrecht zu berichten und seiner "Liebe zur Freiheit". Anders als Gauck konnte sich seine Lebensgefährtin Daniela Schadt ein Schmunzeln erlauben. Denn was die erfahrene Journalistin da hörte, war nichts andres als die Stellenbeschreibung eines Sachbearbeiters für Vergangenheitsbewältigung.
Mochten Wulffs erste, ein wenig schülerhaft abgelesenen Sätze im Amt an den Vortragsstil seines unmittelbaren Vorgängers erinnern, inhaltlich griff er das Vermächtnis eines früheren Bundespräsidenten auf: Johannes Rau. Der hatte seine Amtszeit 1999 ins Zeichen gesellschaftlicher Integration, vor allem von Menschen ausländischer Herkunft gestellt. Nach Jürgen Rüttgers ist Christian Wulff der zweite Christdemokrat, der (wenngleich noch unausgesprochen) dem Sozialdemokraten nach eifert.
Der zehnte Bundespräsident hat eine charmante Idee, seinen aufhaltsamen Weg ins Amt zu ironisieren: Die Aktionskünstler Christo und Jeanne Claude hätten 25 Jahre gebraucht, ehe sie ihre Idee verwirklichen durften, den Reichstag zu verhüllen. Ein Volksfest war das damals, das dem Bau seine Düsternis nahm. Auf den Tag 15 Jahre ist das her. Wulffs Lob der Hartnäckigkeit ist auch ein Plädoyer für konservative Lernfähigkeit. Denn viele in seiner Partei sahen in dem Kunstwerk damals die Entweihung eines nationalen Symbols.































