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Joachim Liebig

«Mit Hoffnung auf Zukunft»

Der anhaltische Kirchenpräsident äußert sich im MZ-Gespräch über die Identität der Region

VON ANDREAS HILLGER, 26.11.09, 19:07h
Joachim Liebig
Kirchenpräsident Joachim Liebig (FOTO: SEBASTIAN)
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HALLE/MZ. Joachim Liebig ist gerade von einem Besuch der amerikanischen Partnerkirche zurückgekehrt, den Streit um die Stasi-Aussagen seiner Magdeburger Bischofs-Kollegin aber hat der anhaltische Kirchenpräsident genau verfolgt: "Natürlich hat Ilse Junkermann Recht, wenn sie im Umgang mit den Tätern der DDR-Diktatur zur Versöhnung aufruft", sagt er im Redaktionsgespräch mit der MZ. "Aber zunächst muss man Schuld bekennen, ehe man um Versöhnung bitten kann." Wer diese Schrittfolge nicht einhalte, müsse weiter mit dieser Last leben.

Dass der vor einem Jahr gewählte Kirchenpräsident die Landeskirche Anhalt zum 20-jährigen Wende-Jubiläum noch einmal neu kennenlernen würde, war ihm nach eigener Aussage schon im Vorfeld klar. Nun hat er festgestellt, dass viele "Wunden nur oberflächlich vernarbt" sind - und dass die "Aufarbeitung nach innen" weitergehen muss. Fest steht für Liebig, dass es dabei auch dann keine "Schwamm drüber"-Mentalität geben darf, wenn man über die Verstrickungen der Evangelischen Kirche zu DDR-Zeiten spricht. Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit sei nicht zuletzt ein Thema für die Kirchengeschichtliche Kammer, die sich mit den historischen Prozessen in Anhalt befasst.

Stichwort Anhalt: Die aktuellen Auseinandersetzungen um das 800-jährige Jubiläum der Region findet Liebig eigentümlich, weil dabei auf seltsam nebulöse Weise über eine identitätsstiftende Größe verhandelt werde. Wenn man über Anhalt spreche, dürfe man aber nicht nur über die historische Substanz reden, sondern müsse auch die gegenwärtige wirtschaftliche "Stabilisierung mit Hoffnung auf Zukunft" zur Kenntnis nehmen. Wenn Sachsen-Anhalt das Interesse an Dessau als drittem Oberzentrum verliere, wäre das fatal: "Ein Land ist nur so stark wie die Summe seiner Regionen." Gleichwohl will auch die Landeskirche zum Anhalt-Jubiläum vor allem ein historisches Thema besetzen: Gemeinsam mit der Martin-Luther-Universität soll das Spannungsfeld "Anhalt und die Aufklärung" wissenschaftlich beleuchtet werden.

Dass sich das kleine, 156 Gemeinden mit 214 Kirchen umfassende Kirchenland seiner Verantwortung für die Region auch jenseits solcher Höhepunkte bewusst ist, macht Liebig deutlich: "Wir sind die Kümmerer, die sich auf die Mühen der Ebene einlassen." Die Tatsache, dass Kirche oft die letzte soziale Instanz sei, die in kleinen Gemeinden "noch ein Klingelschild und eine Telefonnummer" besitzt, sieht er als Bürde, die zugleich eine Chance birgt - auch wenn es schwierig sei, dabei die bildungsfernen Milieus zu erreichen. Generell müsse sich die Kirche daran gewöhnen, dass ihre Gemeinden nicht mehr "natürlich nachwachsend" seien, weswegen die Rolle als Bildungsträger für die Bindung von Jugendlichen immer wichtiger werde. Bei der Frage nach der sinnvollen Lebensgestaltung für ältere Menschen sei man hingegen auf der sicheren Seite, weil die Kirche den Interessenten hier ein breites Feld der Betätigung gebe.

Aus solchen Aktivitäten aber ergeben sich auch Fragen, etwa nach dem Mitgliedschaftsrecht - also nach den Kriterien, an denen die Kirche den Anspruch des Einzelnen auf ihre Angebote bemisst. Wo sich immer mehr Menschen in der Diakonie oder in Kirchbauvereinen engagieren, ohne durch das Sakrament der Taufe formal Christen zu sein, müsse man über dieses Problem neu nachdenken. Und dabei, sagt Liebig, komme der Anhaltischen Landeskirche als eine der kleineren unter den 22 Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland eine "Laborfunktion" zu - so, wie sie sich auch an die Spitze jener Kirchenländer stellen will, die sich als Elb-Anrainer vereint für den Schutz des Flusses stark machen wollen.

Neben diesem Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung sieht Liebig seine Kirche auch dann gefragt, wenn es um die Solidarität in der Gesellschaft geht - ein Thema, über das seiner Meinung nach zwar ausreichend, aber nicht qualifiziert genug geredet wird. Der Streit um den Solidaritäts-Zuschlag habe einmal mehr die Fronten zwischen den Starken und den Schwachen gezeigt, die in ihren Haltungen des "Wir geben nichts" und "Sollen doch die Anderen geben" verharren. In Wahrheit aber sei Solidarität eine Grundvoraussetzung der Gesellschaft, auf die jeder zu jeder Zeit einen Anspruch erheben dürfe - allerdings nur dann, wenn er im Gegenzug bereit sei, sein Leben mit der Hilfe der Anderen wieder selbst in die Hand zu nehmen. "Dann profitieren beide - die Starken und die Schwachen."


    
    
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