Nationalsozialismus
Rollender Gedächtnisort erinnert an dunkles Kapitel
«Zug der Erinnerung» auf Gleis 3 des Hauptbahnhofs erzählt von Deportationen von Kindern aus Deutschland und Europa
VON ILKA HILLGER, 22.11.09, 19:17h, aktualisiert 22.11.09, 19:35h

Der «Zug der Erinnerung» hat auf seiner 112. Station in Deutschland Halt gemacht: Auf Gleis 3 im Dessauer Hauptbahnhof. FOTOS: SEBASTIAN
DESSAU/MZ. Am Samstag, kurz vor Mitternacht fuhr der Zug auf Gleis 3 des Dessauer Hauptbahnhofes ein. Das Pfeifen der Dampflok kündete von der Ankunft. Früh am Morgen war die Feuerwehr da und sorgte für den Stromanschluss. Binnen einer Stunde zählte Ute Schilde rund 50 Besucher. Sie nennt den Empfang in der Stadt tatkräftig und herzlich. Ute Schilde begleitet den "Zug der Erinnerung". Am Sonntag am frühen Nachmittag wurde er auf dem Dessauer Bahnhof offiziell begrüßt, noch am Montag und Dienstag hat man Gelegenheit, die Ausstellung in den beiden Waggons zu besuchen.
Den "Zug der Erinnerung" gibt es seit zwei Jahren. Er leistete das, wozu die Deutsche Bahn nicht in der Lage war, er arbeitet die Geschichte des Unternehmens auf, die dunklen Kapitel der Reichsbahn in der NS-Zeit. Der "Zug der Erinnerung" erzählt von den Deportationen der Kinder aus Deutschland und Europa. "Es ist wichtig, der Opfer zu gedenken, deren Schicksale lange im Dunkeln lagen", sagte am Sonntag Bernd Wolfram, der als Vertreter der Stadtverwaltung den "Zug der Erinnerung"
begrüßte und gemeinsam mit Günter Ziegler vom Kulturamt maßgeblich dafür sorgte, dass der rollende Gedächtnisort in Dessau Station machen konnte. "Wir sehen ihr Hiersein als Verpflichtung, weiter an der Aufarbeitung unserer schwierigen deutschen Geschichte tätig zu sein", sagte er. Für die beiden Aufenthaltstage des "Zuges der Erinnerung" kündigte er rund 350 Schüler aus Dessau und Roßlau an, die sich die Ausstellung ansehen wollen.
Für den "Zug der Erinnerung" ist Dessau die 112. Station, rund 350 000 Besucher sahen seit dem Start der Rundreise durch Deutschland eine bewegende Schau, die aus einer anonymen Masse von Opfern und aus puren Zahlen einzelne Schicksale herausschält. "Entrechtung, Isolation, Vertreibung" ist die Zeit von 1933 bis 1939 überschrieben, die mit wenigen Worten in das Thema einführt, um gleich darauf den Blick auf einzelne Geschichten zu lenken. Da erfährt man von den jungen Leuten Rudi und Helga, beide Juden, und ihrer "Liebe bis zum Ende" in einem Konzentrationslager. An Sinti-Kinder aus Dreihausen wird erinnert. Man liest die letzte Karten eines Mädchens, geschrieben an die Freundin und aus dem Deportationszug geworfen. Vom freudigen Wiedersehen in Holland ist da noch die Rede. Vor den Tafeln und Bildern, wohl auf der letzten Zugstation in Blankenburg hingelegt, welken Rosen. Im Gang des Waggons schauen den Besucher fensterfüllend Kindergesichter an, fröhliche Gesichter auf Fotos, die aufgenommen wurden, bevor das Leben dieser jungen Menschen zerstört wurde.
Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Kinder in der NS-Zeit mit Deportationszügen der Reichsbahn in den Tod geschickt wurden. Zwischen Oktober 1940 und Dezember 1944 deportierten die NS-Behörden mehrere hunderttausend Kinder, Schätzungen sprechen von über einer Million. "David" war der Deckname dieser Aktion, bei der die Reichsbahn-Züge die Vernichtungslager im Osten ansteuerten. Für die Täter, die der zweite Waggon im "Zug der Erinnerung" benennt, war die Deportation zumeist nur ein logistisches Problem, das Lösungen erforderte. Man sieht einen kurzen Videoausschnitt, in dem ein alter Mann von den Vernichtungslagern erzählt: "Treblinka und wie sie alle hießen. Für uns waren sie ein Ziel, weiter nichts".
"Verdrängen & Vergessen" und "Schuld & Schulden" heißen die letzten Abteilungen im Ausstellungszug, entstanden sind sie erst während der Fahrt. Sie machen deutlich, wie schwer es sich die Deutsche Bahn als Nachfolger der Reichsbahn noch immer mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte macht. 1985, als 150 Jahre Eisenbahngeschichte gefeiert wurden, lobte ein Film die NS-Zeit als eine Periode des technischen und wirtschaftlichen Erfolges im Unternehmen. Zeitungsausschnitte dokumentieren, welche Hindernisse die Akteure des "Zuges der Erinnerung" bewältigten, um diesen auf den Weg zu bringen. Beschämend ist es nach wie vor, dass täglich 500 Euro als Standgebühr auf den Bahnhöfen gezahlt werden müssen und erhebliche Summen für die gefahrenen Kilometer.
Das ist umso befremdlicher, wenn man weiß, wie die Reichsbahn damals mit den Deportationen Geld verdiente. Dokumentiert wird dies im Ausstellungsteil "Schuld & Schulden" und in einem erst Anfang des Monats vorgestellten Gutachten. Demnach erhob die staatliche Reichsbahn für die Fahrten nach Auschwitz und in die anderen Todesstätten pro Person und Kilometer zwei Pfennige (etwa zwölf Cent). Ein Todestransport aus Berlin (1 033 Deportierte in das Ghetto Lódz) brachte der Reichsbahn nach heutiger Währung rund 63 000 Euro ein, für eine Massenabschiebung aus Hamburg (1 004 Deportierte nach Minsk) verbuchte sie Einnahmen in Höhe von rund 190 000 Euro heutiger Währung. Die Fahrtkosten ließ sich die Reichsbahn von den Opfern bezahlen. Die Forscher errechneten Reichsbahn-Einnahmen von mehr als vier Millionen Euro. Die Bahn-Deportationen in Polen beziffert das Gutachten mit einer zweistelligen Millionensumme. Schuldner der Gesamteinnahmen, die das Gutachten in heutiger Währung ausweist, seien die deutschen Bundesministerien für Verkehr und Finanzen. Immerhin hat die Deutsche Bahn AG schon einmal 175 000 Euro für den vom "Zug der Erinnerung" initiierten Hilfsfonds gezahlt, der für die Überlebenden der Deportationen eingerichtet wurde.
Der "Zug der Erinnerung" kann am Montag und Dienstag, von 9 bis 19 Uhr, auf dem Gleis 3 des Dessauer Hauptbahnhofes besucht werden.












































