Viele tausend Kinder wurden deportiert
Ausstellung: «Zug der Erinnerung» macht am Hauptbahnhof Station
VON IRINA STEINMANN, 20.11.09, 20:10h, aktualisiert 20.11.09, 20:37h
WITTENBERG/MZ. Seinen fünften Geburtstag, die Schule, die erste Liebe hat Bert Emanuel Kuhn nicht mehr erlebt. Der kleine Junge, geboren am 30. März 1938 in Wittenberg, wurde wenige Wochen nach seinem vierten Geburtstag am 3. Juni 1942 im KZ umgebracht. Bert Emanuel, so hat es die Stadt Wittenberg im Bundesarchiv recherchieren lassen, ist der Jüngste, der aus der Lutherstadt der Judenverfolgung der Nazis zum Opfer fiel. Einige Zeit bevor die Familie aus Wittenberg deportiert wurde, berichtet Horst Schubert vom Fachbereich "Soziale Stadt", hatten Berts Eltern, soviel schreckliche Ordnung musste damals sein, eine Abmahnung erhalten: Ihr Junge habe mit "arischen" Kindern gespielt.
Anlass für die Recherche ist der "Zug der Erinnerung", der am kommenden Mittwoch in der Lutherstadt Station macht. Die Ausstellung des gleichnamigen Vereins erinnert an die Tausende von Kindern und Jugendlichen, die von Nationalsozialisten per Reichsbahn in den Tod geschickt wurden. Etwa die Hälfte von ihnen stammte aus Deutschland, die andere aus den besetzten Gebieten. Zwischen Dessau und Cottbus macht die Dampflok mit den Ausstellungswaggons nun auch in Wittenberg Halt.
Zu sehen sind nach Auskunft eines Vereinsvertreters, der das Projekt am Freitag offiziell im Neuen Rathaus der Presse vorstellte, Fotografien und Biografien dieser jungen Menschen aus einer Zeit, da sie noch ein ganz normales Leben führten, spielten, zur Schule gingen, Geburtstag feierten. Damit wolle man der heutigen Generation Gleichaltriger die Identifikation erleichtern - mehr als es etwa die Darstellung von "Leichenbergen", von den Lagern je vermögen würde. Ein zweiter Teil der Ausstellung befasst sich mit den Tätern und was nach 1945 aus ihnen wurde, und zwar mit jenen, die direkt an der Deportation per Bahn beteiligt waren - etwa jene, die die Sonderfahrpläne nach Auschwitz erstellten. Auch an überlebende Kinder wird, stellvertretend durch drei Lebensläufe, im Zug erinnert. Ergänzt wird die Schau durch Beispiele aus Wittenberg, die bei Bedarf später auch an anderen Haltepunkten in Deutschland gezeigt werden könnten. Hier hat die Stadt eigenen Angaben zufolge auf die Ausstellung über die Juden in Wittenberg zurückgegriffen, die vor einigen Jahren in der Stadt zu sehen war.
Man sei "sehr zuversichtlich", hieß es seitens des Vereins "Zug der Erinnerung", dass auch in Wittenberg "viele Schulklassen und auch Einzelbesucher kommen" werden. Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) nannte die Ausstellung "ausgesprochen wichtig". Es gehe nicht darum, immer wieder an die Schuld der Deutschen zu erinnern, sondern die jungen Leute heute dafür zu "sensibilisieren", dass sie nicht alles glauben. "Wie kommt es, dass ganz normale Menschen zu Opfern werden?", sprach Naumann die Kernfrage aus, die bis heute der Beantwortung harrt.
Zu sehen vom 25. bis 27. November, jeweils zwischen 8.30 und 19 Uhr am Hauptbahnhof, Gleis 4. Der Eintritt ist frei.












































