Gedrucktes in die Windel gelegt

Wenn Deutschlands berühmtester Reiseführer, der "Baedeker", in seiner Neuauflage Harz Stolberg mit dem Hinweis einführt: Hier sei Thomas Münzer geboren und habe Johann Gottfried Schnabel, an den eine Ausstellung im Schloss erinnere, zwischen 1731 und 1743 seine "Insel Felsenburg" geschrieben, dann gereicht das dem Verlag und dem Städtchen natürlich zur Ehre.
Gleichzeitig ist es aber auch ein Indiz dafür, wie die Arbeit jener Gesellschaft, die sich seit 1992 um die Erforschung und Popularisierung von Schnabels Werk und Person bemüht, wahrgenommen wird.
Seit vielen Jahren in Stolberg
Die meisten Mitglieder kommen nun schon seit mehr als zehn, ein Großteil gar seit siebzehn Jahren zu den Tagungen in den Harz. Zu den "Getreuen" gehört auch Norbert Ahlers aus Heidelberg, der sich immer wieder an diesem unverwechselbaren Städtchen erfreut und über Neues berichten lässt. Er lehrt am Medienforum Heidelberg und machte deutlich, wie breit gefächert das Tagungsprogramm zuweilen sein kann. Gemeinsam mit René van der Winkel stellte er ein von ihm initiiertes und von seinem ehemaligen Studenten entwickeltes Projekt vor, bei dem es um eine fiktive Visualisierung der Insel Felsenburg geht. Und die sah man dann im 3-D-Format auf der Leinwand, mit steiler Küste, mit Teichen und Bachläufen, mit Wiesen, Alleen, mit Kirche und Burg. Beim Anklicken soll der spätere Benutzer mit aussagekräftigen Texten und Illustrationen "ins Innere" der "Insel Felsenburg" und damit des Romans geführt werden. Eine hervorragende Möglichkeit, fanden alle, Literatur und Computerspiel miteinander zu verbinden, um auf diese Weise auch interessierten Jugendlichen Schnabels Hauptwerk und Persönlichkeit nahe zu bringen. Jan Vlak aus Delft erzählte wie das war, als im 18. Jahrhundert Hunderttausende Deutscher ihre Heimat verließen und sich - ohne Navigationsgerät - auf unsicheren Straßen und gefährlichen Flussläufen bis nach Amsterdam durchschlugen. Von hier brachen sie dann - wie bei Schnabel - als Seemänner oder Glückssucher auf in die Welt. Hanns H. F. Schmidt zeigte auf, wie groß der Bedarf an gebildeten Bürgern angesichts der Aufgaben in den vielen kleinen Residenzen in und um den Harz war und welche Bedeutung zu jener Zeit den Lateinschulen zukam. Zum Lernstoff der Schüler gehörten vor allem Rhetorik und Dichtkunst. Da verwundert es nicht, dass ein Schüler aus Breitenstein zum Reformationsjubiläum 1717 in Stolberg den 81. Psalm gleich mal in Versform vortrug und ein anderer ein Lied zum Lobe Luthers darbot. Einen großen Einfluss übte die Lateinschule in Nordhausen unter dem Rektorat von Konrad Dunkelberg (1640-1708) aus. Sein Einfluss auf die Gelegenheitsdichtung war groß. An seine Lehranstalt kamen Schüler von Königsberg bis Würzburg, und natürlich war auch ein Stolberger dabei.
In 24 Jahren vermittelte Dunkelberg 220 Schüler an Universitäten. Die Mehrheit der Lateinschüler wollte allerdings nicht studieren. Ihren Eltern ging es um eine solide Grundlage für das spätere Fortkommen. Und da verwundert es nicht, dass die Väter ihre Söhne am ersten Schultag zum Unterricht trugen. Bis ins 19. Jahrhundert, so Schmidt, sei es sogar Brauch gewesen, dem Täufling ein bedrucktes Papier in die Windel zu legen. Auf dass er später gelehrt werde.
Diesmal dem Grafen zugewandt
Gerd Schubert, der Vorsitzende der Johann-Gottfried-Schnabel-Gesellschaft, hatte sich diesmal dem Grafen Gottlob Friedrich zu Stolberg-Stolberg zugewandt und mancherlei Unterlagen aufmerksam studiert. Der Graf fiel als Hauptmann in österreichischen Diensten am 4. August 1737 in Banja Luka. Gerd Schubert erhellte in seinem Vortrag die Hintergründe der Schlacht und verfolgte anhand der Berichte in der von Johann Gottfried Schnabel herausgegebenen "Stolbergische(n) Sammlung neuer und merckwürdiger Weltgeschichte", wie Kriegsberichtserstattung damals funktionierte und die hiesige Bevölkerung durch seine Zeitung auf den Tod des jungen Grafen vorbereitet wurde.































