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MZ-Interview

«Verbote verantwortungsvoll nutzen»

erstellt 30.10.09, 19:32h
HALLE/MZ. Das Urteil des Bundesgerichtshofes, dass Stadionverbote durch Fußballvereine bereits bei bloßem Verdacht verhängt werden können, hat gestern die Telefone in der Koordinationsstelle für Fanprojekte in Frankfurt (Main) nicht still stehen lassen. Unser Redakteur Karl Ebert sprach mit dem Leiter des Projekts, Michael Gabriel.

Wie bewerten Sie als Vertreter der Fanprojekte das Karlsruher Urteil?

Gabriel: Wir müssen immer eine pädagogische Sicht auf das Problem haben. Für uns liegt der Schlüssel zur Lösung nach wie vor bei den Vereinen. Die Fans geben dem Fußball viel Leben und sie erwarten, dass die Vereine verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen. Stadionverbote sind für die Fans die größte Strafe.

Was erwarten Sie nach diesem Urteil von den Vereinen?

Gabriel: Die Vereine sollten das Instrument, das ihnen der Bundesgerichtshof gegeben hat, sehr verantwortungsvoll einsetzen. Seit der Deutsche Fußball-Bund seine Richtlinie zu den Stadionverboten 2007 modifiziert hat und eine zwingende Anhörung der betroffenen Fans sowie den Einsatz von Fachleuten als Stadionverbots-Beauftragte fordert, ist die Sensibilität für das Problem bei den Vereinen deutlich gestiegen.

Werden die Fans den Spruch der BGH-Richter verstehen?

Gabriel: Es wird Zeit brauchen. Wir reden hier vor allem von jungen Leuten, die gerade ihr Rechts- oder Unrechtsverhältnis zum Staat erlernt haben. Sie werden nur schwer verstehen, dass Stadionverbote ohne konkreten Tatnachweis verhängt werden können.

Ergibt sich aus dem Urteil aber nicht auch ein großes Betätigungsfeld für die Fanprojekte?

Gabriel: Natürlich. Wir werden den Fanprojekten raten, den Vereinen gerade bei der Einrichtung von Anhörungsgremien, die es noch nicht überall gibt, zur Seite zu stehen. Zugleich fordern wir die Vertreter der Projekte auf, der Fanszene zu übersetzen, dass die Vereine auch eine große Verantwortung gegenüber den anderen Zuschauern haben. Sie müssen den Fans erläutern, warum dieses Urteil entgegen der üblichen rechtsstaatlichen Handhabung so gefallen ist.

Sie befürchten aber, dass das nicht ganz einfach wird?

Gabriel: Die Fans werden genau beobachten, ob die Verbote gerechtfertigt sind. Sind sie nach ihren Verfehlungen angehört worden und empfinden die Strafe als gerecht, ist der Zweck erfüllt. Werden aber willkürliche Verbote ausgesprochen und die Fans fühlen sich nur als Opfer, dann wird das Dynamik auslösen. Dann fühlt sich die gesamte Fanszene angegriffen.

Nach dem Derby des Halleschen FC gegen den 1. FC Magdeburg wurden außerhalb des Stadions Polizisten von Fans in einen Hinterhalt gelockt und angegriffen. Was sagen Sie dazu?

Gabriel: Das Polizeibeamte gezielt in einen Hinterhalt gelockt werden stellt auch für uns eine neue, erschreckende Dimension dar, die uns aber verdeutlichen sollte, dass Gewalt ein gesellschaftliches Phänomen ist und kein exklusives Problem des Fußballs.


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