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MZ im Gespräch

«Eine ganz große Naivität»

Claudia Hempel hat ein Buch über Eltern rechtsextremer Kinder geschrieben

erstellt 30.10.09, 15:43h
HALLE/MZ. Wie reagieren Eltern, deren Kind in die rechte Szene abgerutscht ist? Was können sie tun? Die Journalistin Claudia Hempel, die sich ausführlich mit dem Thema befasst hat, gibt Tipps. Unser Redakteur Alexander Schierholz sprach mit ihr.

Frau Hempel, Sie haben mit Müttern gesprochen, deren Kinder rechtsextrem sind. Um welche Altersgruppe geht es da?

Hempel: Das lässt sich schwer eingrenzen. Mittlerweile liegt das Einstiegsalter in die rechte Szene häufig schon bei zehn oder elf Jahren. Ich hatte aber auch eine Familie, da war die Tochter schon Anfang 20, als sie in die Szene rutschte. Also in einem Alter, von dem man landläufig denkt, da passiert das nicht mehr.

Wie können Eltern merken, dass ihre Kinder rechts sind?

Hempel: Das ist ein Prozess, das geht nicht von heute auf morgen. Das können Hinweise von Nachbarn sein, aber auch der NPD-Antrag im Kinderzimmer, der Baseballschläger mit Hakenkreuzen drauf oder rechte Codes und Symbole im Schulheft.

Wissen Eltern mit solcher Symbolik etwas anzufangen?

Hempel: Vom Hakenkreuz abgesehen, häufig nicht. Eine Mutter, mit der ich gesprochen habe, fand es niedlich, dass ihr Sohn eine Kette mit einem Thorhammer hat. Da gibt es eine ganz große Naivität, gepaart mit einem Verdrängungsprozess. Man kennt Rechtsextremismus aus dem Fernsehen und aus der Zeitung, aber nicht in der eigenen Familie.

Welche Rolle spielt Kleidung?

Hempel: Auch die kann natürlich ein Zeichen für rechte Einstellung sein, obwohl der Neonazi mit Glatze, Springerstiefeln und Bomberjacke eher eine aussterbende Art ist. Eine meine Gesprächspartnerinnen hat ihrem Sohn aber sogar extra eine Bomberjacke gekauft, weil der die haben wollte.

Ihrer Erfahrung nach: Wie reagieren Eltern, wenn sie merken: Mein Kind ist rechtsextrem?

Hempel: In den Familien, in denen ich war, habe ich zwei typische Muster festgestellt: Die einen ziehen sich zurück, wollen das Thema am liebsten totschweigen. Die anderen suchen das Gespräch - mit dem Jugendamt, mit der Polizei oder dem Staatsschutz. Und merken dann häufig, dass sie dort gegen Wände laufen, weil man das Problem nicht wahrhaben will.

Woran liegt das?

Hempel: Es gibt zu wenig Hilfsangebote für Eltern. Das ist ein Bereich, der sich erst langsam zu entwickeln beginnt. Eltern können sich aber sicher immer an Initiativen gegen rechts wenden oder an Vereine, die sich mit dem Thema befassen. Die können zumindest Hilfe vermitteln.

Was raten Sie betroffenen Eltern darüber hinaus?

Hempel: Der erste Impuls ist häufig, sich von dem Kind abzuwenden oder gar - bei Älteren - den Kontakt abzubrechen. Das wäre ganz falsch. Man muss reden, reden, reden. Man muss sich deutlich positionieren, seinem Kind klar machen, dass die rechte Weltanschauung falsch ist und dass man sie nicht duldet. Man muss aber auch deutlich sagen: Du bleibst trotz allem mein Kind. Das ist ein Spagat, der unglaublich schwer auszuhalten ist.

Wie kommt die rechte Szene an potentiellen Nachwuchs heran? Haben Sie da ein Muster feststellen können?

Hempel: Rechtsextremisten setzen in der Regel dort an, wo die Demokratie erodiert und Leerstellen hinterlässt. Sie bieten dann Hausaufgabenhilfe an oder ein Zeltlager. Oder betreiben den Jugendklub. Stets dort, wo niemand anderes mehr solche Angebote macht. Eltern sollten deshalb sehr genau hinschauen, womit ihre Kinder die Freizeit verbringen.


    
    
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