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«Wie ein Berserker»

Die im Dresdner Landgericht erstochene Ägypterin hatte keine Überlebenschance - Zeuge schildert, wie brutal der Angeklagte handelte

VON BERNHARD HONNIGFORT, 27.10.09, 15:23h, aktualisiert 28.10.09, 15:02h
Polizeibeamter
Ein Polizeibeamter sichert das Gerichtsgebäude in Dresden. (FOTO: DPA)
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DRESDEN/MZ. Marwa El-Sherbini hatte keine Chance. Die am 1. Juli im Dresdner Landgericht erstochene 31-jährige Ägypterin hätte ihre Verletzungen auch nicht überstanden, wenn auf der Stelle ein Ärzteteam an ihrer Seite gewesen wäre. "Sie kann nicht lange überlebt haben", sagte eine Rechtsmedizinerin gestern am zweiten Verhandlungstag im Mordprozess gegen den 28-jährigen Russlanddeutschen Alex W. Nach ihrer Einschätzung starb die schwangere Frau innerhalb weniger Minuten. Sie verblutete, nachdem Alex W. 16 mal mit einem langen Küchenmesser auf sie eingestochen hatte.

Marwa El-Sherbini
1.7. Während einer Verhandlung am Dresdner Landgericht wird eine als Zeugin geladene Ägypterin vom Angeklagten mit 18 Messerstichen getötet. Gegen den Russland-Deutschen ergeht Haftbefehl. Im November wird Alex W. wegen Mordes aus Fremdenhass zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Verteidiger kündigt Revision an. (FOTO: DPA)
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Als Islamistin beschimpft

Richter Tom M., der im Sommer die Berufungsverhandlung leitete, schilderte als Zeuge, was an jenem Morgen im Gericht geschah. Es sei ein normaler Sitzungstag gewesen. Der Richter ist seit 21 Jahren im Amt und gilt als erfahrener Jurist. Er habe sich auf den Fall vorbereitet: Eine Beleidigungsklage, bei der der Russlanddeutsche im Sommer 2008 angezeigt worden war, weil er die Ägypterin auf einem Spielplatz als "Terroristin" und "Islamistin" beschimpft hatte. Nachdem das Amtsgericht den Lagerarbeiter zu einer Geldstrafe von 760 Euro verurteilt hatte, legten Verteidiger und Staatsanwalt Berufung ein.

Ein kleiner Allerweltsfall stand also an. Alex W. habe sehr gut Deutsch gesprochen, sei eigentlich ruhig und sachlich, manchmal schroff aufgetreten. Er habe gesagt, es sei falsch, dass Deutschland Ausländer aufnehme. Er unterscheide die Menschen nach Rassen: nach Europäern und Nichteuropäern. Und Nichteuropäer hätten in Deutschland nichts zu suchen. Richter M. wies ihn zurecht, fragte, ob er sich jemals mit deutscher Geschichte befasst oder einmal eine KZ-Gedenkstätte besucht habe. Und dann habe Alex W. zu Marwa El-Sherbini gesagt: "Ich will wissen, warum du in Deutschland bist! Ich finde es nicht richtig, dass diese Monster nach dem 11. September nicht rausgeschmissen werden."

Als die Frau ihre Zeugenaussage beendet hatte und mit ihrem Mann und dem dreijährigen Sohn den Saal verlassen wollte, habe Alex W. zugeschlagen. "Und dann ging alles rasend schnell", erinnert sich der Richter. Er habe gedacht, Alex W. schlage mit Fäusten auf die Frau ein "wie ein Berserker". Er sei auf die beiden zugerannt, habe gerufen: "Lassen Sie die Frau los." Er habe den Angreifer stoppen wollen. "Da sah ich das Messer in seiner Hand." M. drückte den Alarmknopf und versuchte, dem Täter das Messer abzunehmen. Der sei dann mit dem Messer auf ihn losgegangen. "Ich dachte, er sticht mich ab." Es muss alles sehr schnell gegangen sein. Richter M. schilderte, er habe zunächst gar nicht mitbekommen, dass auch der Ehemann Elwy Ali Okaz niedergestochen und schwer verletzt am Boden lag. "Sie stirbt, sie stirbt", habe der gerufen.

Dass vorher ein Polizist in den Saal gelaufen war, Opfer und Täter verwechselt hatte und dem Ehemann ins Bein schoss - der Richter hat den Schuss gehört, aber sonst in dem schrecklichen Durcheinander nichts mitbekommen. "Sie war eine kultivierte, höfliche, aufgeschlossene und kluge Frau, die ein exzellentes Deutsch sprach", erinnert er sich an die Zeugin. Und Alex W. und der Anschlag? "Konzentriert, geplant, gezielt", sagt der Richter. "Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck gehabt, er sei geistig verwirrt."

Weiter krankgeschrieben

Eigentlich, sagt der Richter, der zum Zeugen wurde, habe er Frau El-Sherbini gar nicht vernehmen wollen. Eigentlich, sagt er, sei die von Verteidigung und Staatsanwaltschaft angestrengte Berufungsverhandlung nicht nötig gewesen. Alex W. sei ein Ersttäter gewesen und das Urteil vom Amtsgericht nicht falsch. Eigentlich. Richter Tom M. ist immer noch krankgeschrieben. Auch er ist gezeichnet. "Das sind Sekunden, die verändern ein Leben", sagt er.




    
    
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