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Bertelsmann

Mit Erweckungsbüchern zum weltweiten Medienkonzern

VON Jürgen Wutschke, 04.10.09, 14:45h
Gütersloh/ddp. Der erste Bestseller des C. Bertelsmann Verlages hieß «Thoemele». Die Sammlung christlicher Lieder entstammte der christlichen Erweckungsbewegung. Das Buch erschien im 1835 gegründeten Verlag des Druckers und Gütersloher Kirchenvorstandes Carl Bertelsmann bis 1929. Es spiegelte zugleich die ein knappes Jahrhundert gültige Ausrichtung des Verlags wider.

Daneben erweiterte in der Folge Carl Bertelsmanns Sohn Heinrich das Verlagsprogramm durch Zukäufe um die Segmente Belletristik, Philosophie und Pädagogik. Unter ihm wurde zudem mit der Einrichtung der ersten betrieblichen Alters- und Invalidenkasse 1887 die besondere Verbindung zwischen Beschäftigten und Firmenleitung begründet. Nach dem Tod Heinrich Bertelsmanns übernahm dessen Schwiegersohn Johannes Mohn die Geschicke des Hauses.

Dessen Sohn Heinrich wiederum modernisierte ab 1921 den Verlag grundlegend. Vertrieb, Kalkulation und Programm wurden auf neue Füße gestellt. Als Rückgrat in der Weltwirtschaftskrise erwiesen sich die christlichen Publikationen, die weiterhin ein Millionenpublikum erreichten. Ab 1934 hatte der Verlag dann ein zweites Standbein: Die Belletristik-Sparte steuerte in die Gewinnzone.

In der Belletristik verschmolzen in den folgenden Jahren zunehmend die etablierten christliche Inhalte mit völkischen und antisemitischen Ansichten. Kriegsprosa, Fronterzählungen und Deutschtümelei sicherten dem Verlag hohe Auflagen. Unter anderem gehörte Hans Grimm, der zuvor bereits mit «Volk ohne Raum» zweifelhafte Berühmtheit erlangt hatte, in dem er die räumliche Ausdehnung des Lebensraumes der Deutschen propagierte, zu den Autoren.

Bis zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges war Bertelsmann zum größten Bücherlieferanten der Wehrmacht aufgestiegen. Die Gewinne stiegen erheblich. Nach der erzwungenen Ausgliederung wurde der theologische Bereich 1941 eingestellt. 2002 veröffentlichte eine Historikerkommission die Verlagsgeschichte zwischen 1921 und 1945.

Nach dem Ende des Krieges, in dem der Gütersloher Firmensitz zerstört, die Druckmaschinen aber verschont geblieben waren, begann der Bertelsmann-Verlag im Auftrag der britischen Militäradministration mit der Herausgabe von Schulbüchern. Mit der neuvergebenen Lizenz übernahm Reinhard Mohn 1947 die Firmenleitung.

Um nach dem sinkenden Interesse an Kulturgütern mit der Einführung der D-Mark den Absatz zu stabilisieren, wurde 1950 der Direktvertrieb über den «Bertelsmann-Lesering» gegründet, der die Bücher direkt an die Leser schickte. Noch heute existiert er als «Bertelsmann-Club» weiter.

Unter Mohn begann in den Folgejahren der radikale Umbau des Unternehmens vom reinen Verlag zum weltweit agierenden Medienkonzern. 1956 stieg Bertelsmann ins Schallplatten-Geschäft ein. Udo Jürgens, Heintje und Peter Alexander machten Ariola zum erfolgreichsten deutschen Label. In den sechziger Jahren erfolgte zudem der Schritt ins Ausland. Über den Erwerb der Ufa-Aktien gelang der Einstieg ins Film- und später ins Fernsehgeschäft.

Zum 125. Firmenjubiläum schenkte sich Bertelsmann 1970 eine «Grundsatzordnung», die eine Verantwortung des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft festschreibt und eine partnerschaftliche Führung festlegt.

1971 wurde Bertelsmann eine Aktiengesellschaft. 1977 gründete Mohn die Bertelsmann Stiftung, die sich unter anderem in den Bereichen Medizin und Gesundheitswesen, Staat und Verwaltung sowie auf dem kulturellen Sektor engagiert. 1981 wechselte Reinhard Mohn in den Aufsichtrat.

Die nächste Zäsur in der Firmengeschichte markierte 1984 der Einstieg als Pionier ins Privatfernseh-Geschäft. In der Folge entwickelte sich RTL zum erfolgreichsten Privatsender Europas und trug 2008 mehr als die Hälfte zum Konzerngewinn bei.

Parallel dazu trieb der vormals christliche Verlag aus Ostwestfalen seine Internationalisierung voran und expandierte nach 1989 auf den osteuropäischen Markt. 1998 wurde Bertelsmann - unter anderem mit Random House in den USA - zum größten Buchverlag der englischsprachigen Welt.

Nach der Jahrtausendwende wurden das Fernseh- und Musikgeschäft weiter ausgebaut. Eine Episode blieb dagegen das Internetzugangsgeschäft, aus dem sich Bertelsmann im Jahr 2000 mit dem höchst lukrativen Verkauf seiner AOL-Anteile zurückzog. In den kommenden Jahren soll nach einem millionenschweren Sparprogramm das Wachstum der einzelnen Geschäftsbereiche weiter vorangetrieben werden. Bertelsmann beschäftigt heute weltweit mehr als 100 000 Mitarbeiter.


    
    
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