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DDR-Rückblick

Es war nicht alles

Zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall sind die Schatten der DDR verblichen, verschwunden aber sind sie nicht

VON STEFFEN KÖNAU, 14.08.09, 15:54h, aktualisiert 15.09.09, 12:23h
In Zeitz, 2009
In Zeitz, 2009. (FOTO: CORINA WUJTSCHIK)
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HALLE/MZ. Es ist der Ketchup, der am meisten fehlt. "Meine Oma hat den so genial gemacht", schwärmt Christian Vetter noch 20 Jahre nach dem Mauerfall. Der überspülte das Gebiet der ehemaligen DDR mit einer himmelhohen Welle aus echter Tomatensauce. Doch Christian Vetter hat noch immer ausgerechnet den Geschmack der selbstgemachten Soße auf der Zunge. 29 ist er, arbeitet beim ADAC und denkt normalerweise nur noch selten an die DDR, die das Land seiner Kindheit war. Manchmal aber überkommt ihn diese Sehnsucht nach dem Eigenbau-Ketchup von damals so heftig, dass Vetter, sonst eher der Typ für den schnellen Bissen im Restaurant, sich sein Ketchup sogar selber kochen würde. "Leider weiß Oma das Rezept nicht mehr."

Wo statt der Rezepte nur noch Erinnerungen sind, ist die Entscheidung darüber einfach, was gut war und was schlecht in und an der DDR. Die Kinder waren betreut, alle hatten Arbeit und die Leute halfen einander, so klingen die Grundakkorde, zu denen einer Umfrage zufolge fast die Hälfte der Ostdeutschen heute ein von überwiegend positiven Erinnerungen komponiertes Hohelied des real existierenden Sozialismus singt.

So leicht aber ist es nicht immer, denn es war ja nicht alles und ist seitdem vorbei und vergangen. Vieles ist bis heute noch - in den Städten und in den Menschen. Wenn Christian Vetter zur Arbeit fährt, kommt er an Häusern vorbei, die in der DDR "Neubaublocks" hießen, auch wenn sie 30 Jahre alt waren. Das Wort Neubaublock ist fort, vertrieben vom "Plattenbau". Anderes aber ist geblieben. "Diese alte monumentale DDR-Kunst etwa, die immer noch an ein paar Fassaden klebt", sagt Christian Vetter, "da guckt man und sofort ist der Gedanke an die DDR wieder da."

Der Gedanke, den Mandy Wachtel stets zuerst an zu Hause" erinnert. 14 war sie, als das SED-Regime zusammenbrach, das ihren Bruder aus der Familie hatte zwangsweise wegadoptieren lassen. "Die DDR hat mich geprägt, meine Kindheit bestimmt", erzählt die ehemalige Köthenerin, die in Mecklenburg lebt und bei einer Internetfirma arbeitet. Denke sie an das Land ihrer Kindheit, sehe sie trotz der schlimmen Erfahrungen ihrer Familie nicht Kampfgruppenparaden und Pionieraufmärsche vor sich. "Sondern unser altes Haus, in dem ich mit meiner Oma wohnte." Das existiert fort in ihrem Kopf, nicht in der richtigen Welt. Als sie das letzte Mal dort gewesen sei, im kleinen Köthen, habe sie vergebens versucht, sich zu erinnern, wie früher alles aussah. "Es hat sich soviel getan, mir kam alles seltsam fremd vor."

Wie ein anderer Planet, auf den man sich nicht zurückwünschen kann, selbst wenn man ihm wie der Hallenser Sven Moelke zugesteht, "dass es eine Alternative zu der Gesellschaft war, in der wir jetzt leben". Moelke, der den Zusammenbruch aller Gewissheiten als Thälmann-Pionier erlebte, hat sich sein DDR-Bild später aus "Selbsterlebtem und Überliefertem zusammengepuzzelt". Heute ist er überzeugt: So wie damals nicht alles schlecht gewesen sein könne, ist heute nicht alles gut. Die verschwundene DDR spukt in ihren Kindern, die sie wiedererkennen, wo sie Schatten von ähnlicher Form sehen. "Heute erinnert mich die Subventionierung großer Konzerne und Banken an das Versagen eines Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells", sagt der Theatertechniker.

Für Ilko-Sascha Kowalczuk hält das allerdings sowenig für eine zulässige Parallele wie "gut" oder "schlecht" für nützliche Fragen. "Meine Kategorien lauten frei oder unfrei", sagt der 42-jährige Historiker, der zu DDR-Zeiten als Pförtner arbeitete, erst nach der Wende studieren konnte und mit dem Buch "Endspiel" eben eine minutiöse Beschreibung der letzten Monaten der DDR vorgelegt hat. Richtige Fragen geben sich selbst die Antwort: "Wer will bestreiten, dass die DDR ein extrem unfreies Gebilde darstellte?" Als die Mauer fiel, war das für Kowalczuk dennoch kein Moment des Triumphes, sondern einer des Aufatmens. Er hält bis heute an. "Ich bin unendlich froh, dass es die DDR nicht mehr gibt."

Vom System selbst ist nichts mehr übrig. Die letzten gläubigen Verfechter des vermeintlich besseren Deutschland haben sich in obskure Internetforen zurückgezogen, in denen sie Vor- und Nachteile der Planwirtschaft diskutieren. Vor 1989 wäre allein der Gedanke, die Planwirtschaft könne auch Nachteile haben, strafwürdig gewesen. Heute gilt das Scheitern der DDR als Betriebsunfall. Gut gedacht, falsch gemacht! Die Realität geht, die Sehnsucht bleibt, wenn Freiheit erst selbstverständlich scheint, konstatiert Kowalczuk: "Viele Menschen wissen den Wert der Freiheit nicht zu schätzen, träumen von Gleichheitsutopien und glauben, Geschichte könnte einen Endpunkt haben."

Hat sie nicht, da ist Rüdiger Thieme ziemlich sicher. "Alles geht immer weiter", sagt der 44-Jährige, "und der kleine Mann ist immer der Gekniffene." Längst sei der Anpassungsdruck in seinem Job als Kraftfahrer wieder "mindestens so groß wie früher", nur die Gründe seien andere. "Früher hieß es, wer muckt, kriegt Dresche, heute gilt, wer muckt, der fliegt." Der Unterschied: "Wir haben alle gelernt, zu überleben." Damals in der DDR habe man ihn wegen seiner großen Klappe auf dem Kieker gehabt, er aber habe genau wie seine Chefs immer gewusst: "Wenns mir zu bunt wird, bin ich weg". Heute hingegen gebe es kein Land, in das man ausreisen können. "Aber zum Glück bin ich älter und ruhiger und muss mir selbst nichts mehr beweisen. "Ich kann den Mund halten, ohne mich zu verbiegen".

Man bekomme den Mann aus dem Land heraus, aber nicht das Land aus dem Mann, sang der zu DDR-Zeiten gemaßregelte Liedermacher Gerhard Gundermann. Christiane Kühr, die aus Merseburg stammt und seit Ende der 90er Jahre in Bayern lebt, würde das auch als Frau sofort unterschreiben. "Ich fühle mich im Westen daheim", sagt sie, "aber ein Westler bin ich deshalb nicht." Die Erfahrungen aus ihren 27 DDR-Jahren hat die Mitarbeiterin eines Ingenieurbüros "wie einen Rucksack immer dabei". Kein unbedingt lästiges Gepäck, wie sie findet: "Ich kenne viele Muster im Verhalten von Menschen von damals und ich erkenne sie heute wieder."

Das geht auch dem aus Eisleben stammenden Musiker Thomas Schoppe so. Erinnere er sich an die DDR, dann an "eine sich selbst in den Ruin stürzende Gesellschaft voller Lügen", sagt der Sänger der von den Kulturaufsehern verbotenen Band Renft. Christiane Kühr wählt weniger drastische Worte, um Ähnlichkeiten zum neuen Deutschland zu beschreiben: "Die Sprache der Politik in Phrasen erstarrt, der Kalender voller Rituale und im Fernsehen wird heile Welt gespielt." Lebendige Schatten, die in den Farben der DDR schimmern. Bei Freunden und Kollegen in Nürnberg freilich komme ihre Diagnose "einfach nicht an", hat sie bemerkt. Um das, was unter anderen Bedingungen ähnlich funktioniere, zu erkennen, müsse man wohl erlebt haben, wie es sich lebte in der DDR. "Wer nur darüber gelesen hat, kann nicht mitreden."

Thomas Schoppe nickt. "Die Vielfalt der Meinungen schafft nur ein scheinbar objektives Bild", hat der 64-Jährige in seinen drei Jahrzehnten DDR, 14 Jahren BRD und 20 Jahren im vereinigten Deutschland bemerkt. "Es gibt heute jede Menge Leute, die sich ein Urteil über die DDR anmaßen, obwohl sie nie in dem System leben mussten", sagt er, "und nur wenige, die den Mut haben, zur Beseitigung gesellschaftlich verordneter Verdummung im Westen aufzurufen."

Umso mehr "nervt es einfach, wenn mir solche Leute erklären wollen, wie mein Leben in der DDR war", sagt Matthias Gärtner. Der 37-Jährige saß früher für die PDS im Landtag von Sachsen-Anhalt und leistet heute als Mitarbeiter der Linken-Fraktion im Landtag Niedersachsen Aufbauhilfe West. Wo Gleichaltrige in Speyer und Siegen an die Barbiepuppen und Playmobil-Figuren ihrer Kindheit denken, fallen dem 37-Jährigen "Intershop, Urlaub im FDGB-Heim, die furchtbare chemiegetränkte Luft in Bitterfeld und Brötchen für fünf Pfennig" als Synonym für früher ein. Mandy Wachtel dagegen denkt an "weniger Arbeitslose und weniger Gewalt" und ihre gelegentlichen DDR-Déjà-vus: "Manchmal lässt mich der Duft einer Schokolade innehalten". Auch Lieder versetzten sie zuweilen zurück in die Zeit, als Musik mehr war als eine Fahrstuhltapete aus Tönen. Das geht Thieme und Moelke genauso. "Manche Stücke berühren noch, andere klingen hohl und leer", sagt Rüdiger Thieme. "Aber das meiste schmeckt auch nicht mehr so wie früher", zuckt Mandy Wachtel die Achseln.

Die DDR liefert den Menschen, die in ihr lebten, manchmal Grund zum Schenkelklatschen, manchmal aber auch Gelegenheit, an der Gegenwart zu zweifeln. Es war nicht alles, einiges ist immer noch. "Der Umgangston auf Ämtern oder in Restaurants etwa", sagt Heidi Bohley, die vor der Wende zu den Köpfen der Opposition in Halle gehörte, "ist bis heute relativ häufig DDR". Neulich sei ihr untersagt worden, sich eine Speisekarte selbst zu holen - die werde gebracht, Punkt! Ein Erziehungsrelikt aus den volkseigenen Restaurants, in denen der Gast platziert wurde. Immer an der Hand genommen, fürsorglich betreut, solange er freiwillig folgte. Und handfest auf Reihe gebracht, sobald er vom rechten Wege abwich.

Ein Leben wie in einem Wartesaal, über dem "dieses Gefühl der Vergeblichkeit", schwebte, "dass die Zeit still steht und sich nie etwas ändern wird", wie es Heidi Bohley beschreibt. Sie habe in der Gewissheit gelebt, "dass die Dummen die Macht haben, die Intelligenten zu zwingen, so zu tun, als ob sie nichts merken vom gesellschaftlichen Stillstand". Vor ihrem Haus in der halleschen Innenstadt aber habe sich der Dreck unübersehbar auf den Straßen getürmt. "Wenn ich rausging, musste ich erstmal an Müllhaufen vorbei." Die Erinnerung mag da golden malen, soviel sie will. Das "Graue, Vergammelte, die Gleichgültigkeit, die Trostlosigkeit der Sprüche und Schaufenster, das war die Wirklichkeit", ist die 57-Jährige sicher.

Wie die hallesche Bürgerrechtlerin, die 1984 Berufsverbot erhielt, hat auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer den größten Teil seines Lebens in der DDR verbracht. "Das waren 40 Jahre meines Lebens, die mich geprägt haben", sagt der gebürtige Sachse, der von 1974 an als Chefarzt in einem Wittenberger Krankenhaus arbeitete. Denkt Böhmer heute zurück, verurteilt er nicht. Aber auch er erinnert vor allem "die vorsorgliche Reglementierung aller Lebensbereiche, wobei möglichst nichts dem Zufall überlassen bleiben sollte". Dass die DDR für andere dennoch anders gewesen sein könnte, ist Böhmer klar. "Erinnern ist immer subjektiv. Ich würde es keinem Betroffenen abnehmen, der von sich behauptet, in dieser Frage objektiv zu sein."

Darum gehe es aber gar nicht, glaubt Christian Vetter. "Sicher kennen externe Experten mehr Fakten - aber wenn man nie Trabbi gefahren ist oder in der Bananenschlange gestanden hat, ist alles Wissen Theorie." Gut oder schlecht, vergangen oder immer noch da - intellektuell könne die DDR begriffen werden, verstanden aber? Heidi Bohley winkt ab: "Wie soll man jemandem erklären, dass es existentiellen Mut brauchte, sich stumm mit einer brennenden Kerze auf den Marktplatz zu stellen?"


    
    
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