Halle
Medizin gegen den roten Tod
Jeden Tag wählen sie einen König aus ihrer Runde, der das Programm für den Tag bestimmt. Man erzählt sich Geschichten in Hülle und Fülle. Für die hallesche Inszenierung des "Dekameron", die vom Ensemble der "Schaustelle" nun auf der Oberburg am Giebichenstein gezeigt wird, wurden acht der 100 Geschichten herausgepickt. Es entfalten sich innerhalb der Inszenierung deshalb gleich mehrere kleine Stücke: freizügige, erotische Geschichten, die mit Humor garniert und poetisch ausgeschmückt werden - etwa wenn der Abt Benedikt "die süßesten Verzückungen der Liebe genießt" oder "sich die Wonne der Liebe gönnt".
Das Stück setzt die Geschichten vor einem Ambiente um, wie es reizvoller kaum sein könnte. Zur Premiere wurden dem Publikum von den Mitwirkenden Astrid Kohlhoff, Anna von Schrottenberg, Mario Pinkowski, Juliane Gregori und Thomas Zug eine Fülle an darstellerischen Finessen geboten. Geschmackvoll waren die mittelalterlichen Kostüme gearbeitet: die langen Gewänder der Frauen in verschiedenen, aufeinander abgestimmten Rottönen, die Pest in Persona wurde in blutroten Overalls und bizarren Masken dargestellt.
Autor und Regisseur Simon van Parys präsentierte einen stimmig gestalteten Abend, in dem sich Humor und Nachdenklichkeit die Waage hielten. Zudem wechselt das reine Rollenspiel mit dem "Spiel im Spiel" und mit Szenen, in welchen die Worte durch Gesten oder Musik ersetzt wurden. So wird die Produktion zur tiefgründigen Auseinandersetzung mit dem Stoff aus der italienischen Renaissance.
Der Regisseur hat es zudem verstanden, in der Umsetzung die grotesken Seiten der Grundsituation herauszuarbeiten. Immer wieder flammen Hinweise auf, dass der gefasste Vorsatz - das Schreckliche, was die Exil-Gesellschaft umgibt, zu vergessen und "sich die Zeit mit dem Schönsten zu vertreiben, was das Leben zu bieten hat" - auf tönernen Füßen steht. Es sind Blicke der Figuren, die über die Mauern des Hofes hinweg Richtung Florenz abschweifen, oder düstere Gedanken, die das spielerische Vergnügen begleiten. Die Leichtigkeit, mit der sich das Stück im Fluss befindet, zieht die Zuschauer dennoch in den Bann. Ein außerordentlich lohnender Theaterabend.


















