Sachsen
«Wir stehen alle unter Schock»
Angeklagter tötet Zeugin im Saal des Dresdner Landgerichts und verletzt weitere Menschen
VON Romy Richter und Tino Moritz, 01.07.09, 12:26h, aktualisiert 11.08.09, 20:33h

Polizeibeamte am Tatort: Bei einer Auseinandersetzung im Landgericht Dresden ist am Mittwoch (1. Juli) eine 32-jährige Frau getötet worden. (FOTO: DDP)
Dresden/ddp. Als Zeugin war die 32-jährige Frau am
Mittwochvormittag ins Dresdner Landgericht gekommen, wenige Stunden
später ist sie tot - erstochen von einem 28-jährigen Angeklagten.
Während der Berufungsverhandlung, in der es um eine zuvor gegen den
Mann verhängte Geldstrafe von nicht einmal 800 Euro wegen Beleidigung
ging, sei es zu dem «tätlichen Angriff» gekommen, teilte
Oberstaatsanwalt Christian Avenarius mit. Sachsens Justizminister
Geert Mackenroth (CDU), der wenige Stunden nach der Bluttat den
Tatort besichtigte, sprach von einer «Tragödie».
Der genaue Ablauf und die Hintergründe der Tat blieben zunächst
unklar. Eine Gerichtssprecherin sagte, dass der in Russland geborene
Alex W. zuvor vom Amtsgericht Dresden zu einer Geldstrafe von 60
Tagessätzen zu je 13 Euro verurteilt worden war, weil er im August
2008 eine Frau auf einem Dresdner Spielplatz als «Islamistin und
Terroristin» beschimpft hatte. Ob das Opfer diese Frau war und ob die
Zeugin vor Gericht bereits ausgesagt hatte - dazu gaben die Ermittler
keine Auskünfte.
In Justizkreisen hieß es, dass die Frau aus dem arabischen Raum
stamme. Medienberichte, wonach die Tote Ägypterin sei, wollte
Avenarius nicht bestätigen. Er kündigte an, dass der Tatverdächtige
am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werde - und am selben Tag
mehr Informationen preisgegeben werden sollen, auch über die Angaben
des Tatverdächtigen während seiner Vernehmung am Mittwoch.
Avenarius zufolge hat der Mann die Zeugin im Gerichtssaal mit
einem Messer angegriffen und sie mit mehreren Stichen schwer
verletzt. Sie erlag wenig später ihren Verletzungen. Der 28-Jährige
sei nach seiner Tat überwältigt und von den Ermittlern vernommen
worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Totschlags.
Bei der Überwältigung und Festnahme des Angeklagten wurde auch
eine Schusswaffe benutzt. Ein Polizeibeamter habe geschossen, sagte
ein Sprecher. Nach Gerichtsangaben soll es mehrere Verletzte gegeben
haben. Der Tatort wurde abgesperrt. In die Ermittlungen wurde auch
das Landeskriminalamt eingeschaltet. Eine Gerichtssprecherin betonte,
dass es vor der Verhandlung keine Personenkontrollen gegeben habe,
weil dies in solchen Fällen von «Kleinstkriminalität» nicht üblich
sei.
Konsequenzen forderte nach der tödlichen Messerattacke Sachsens
CDU. Ihr Rechtsexperte im Landtag, Marko Schiemann, sagte, dass der
Rechtsstaat Zeugen schützen müsse. «Waffen haben im Gerichtssaal
nichts zu suchen», betonte er.
Oberstaatsanwalt Avenarius kündigte an, dass nach dem
Tatverdächtigen auch noch die anderen Augenzeugen vernommen werden
sollen. Die meisten stünden jedoch unter Schock.
Justizminister Geert Mackenroth (CDU) sagte nach einer
Besichtigung des Tatorts, er sei völlig schockiert und entsetzt über
die Tragödie. Mit der Familie der getöteten jungen Frau habe er «ganz
tiefes Mitgefühl». Zugleich sicherte er zu: «Wir werden alles tun,
dass die Hintergründe aufgeklärt werden.»
Im Landgericht Dresden wurden am Mittwoch parallel laufende
Prozesse abgebrochen oder vertagt. Abgesagt wurde auch die für
Nachmittag geplante Eröffnung der Wanderausstellung «Im Namen des
Volkes? - Über die Justiz im Staat der SED» im Foyer des
Gerichtssaals.












































