Gericht hebt den Freispruch der ersten Instanz auf
Ehemaliger NPD-Funktionär wird wegen Körperverletzung zu Bewährungsstrafe verurteilt
VON MICHAEL FALGOWSKI, 29.10.09, 19:34h, aktualisiert 29.10.09, 21:19h
WEISSENFELS/HALLE/MZ. Der frühere Weißenfelser NPD-Funktionär Enrico N. wurde Donnerstag am Landgericht in Halle wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung zur einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Das Gericht war überzeugt, dass Enrico N. gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter einen 15-jährigen Jugendlichen im Februar 2008 unter den Rufen "Scheiß Zeckenschwein" in Weißenfels brutal zusammengeschlagen hat.
Schon damals engagierte sich das Opfer im Bündnis gegen Rechts und gehörte der linksalternativen Szene an. Im April dieses Jahres hatte das Amtsgericht Weißenfels den 27-Jährigen NPD-Mann freigesprochen (die MZ berichtete). Im Zweifel für den Angeklagten, hieß es. Obwohl schon damals für den Richter viel dafür sprach, dass der Angeklagte der Haupttäter gewesen war. Staatsanwaltschaft und das als Nebenkläger auftretende Opfer hatten dagegen Berufung eingelegt.
"Ich bin sehr froh, dass es nun überstanden ist. Denn das liegt mir jetzt seit eineinhalb Jahre auf der Seele", sagte der Schüler nach dem Berufungsprozess. Noch immer habe er infolge des Überfalls Hemmungen und Angst, abends allein auf die Straße zu gehen. So wie in der Nacht des 9. Februar 2008, als er gegen 24 Uhr am Bahnhof in Weißenfels mit dem Zug ankam. Auf dem Nachhauseweg wurde er von zwei Autos verfolgt. "Ich bin losgerannt, aber noch auf dem Hof zu unserer Wohnung haben sie mich umstellt. Der Angeklagte hat die ersten Schläge ausgeführt", erinnerte sich der Weißenfelser in der Gerichtsverhandlung.
Er erlitt Prellungen. Später wurde er mit Verdacht auf einen Schädelbasisbruch stationär im Krankenhaus behandelt. Es waren dramatische Minuten: Die Männer traten auch auf das am Boden liegende Opfer ein. Die Mutter kam hinzu und stellte sich schützend und schreiend vor ihren Sohn. Der zu Hilfe eilende Bruder wurde ebenfalls geschlagen. Der Name des Angeklagten sei dabei wiederholt gefallen, hieß es im Prozess.
Erst zwei Wochen später zeigten Mutter und Sohn den Überfall an. "Wir haben lange gezögert, weil wir Repressalien fürchteten. Doch wir waren schließlich alle der Meinung, dass solche Taten geahndet werden müssen", erläuterte der heute 24-jährige Bruder des Opfers. Alle drei identifizierten schließlich Enrico N. als einen der Mittäter.
Enrico N. bestritt seine Beteiligung "Ich bedauere sehr, was da in meinem Namen passiert ist, aber ich war nicht dabei", versicherte der Familienvater. Nach eigener Aussage sei er bis 2007 stellvertretender NPD-Kreischef gewesen. Inzwischen arbeite er als Fernfahrer und sei nur noch einfaches Parteimitglied. Seiner Behauptung, er sei an diesem Abend zu Hause gewesen, glaubte Richterin Jana Häußler nicht. Zusätzlich verurteilte das Gericht Enrico N. zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit.





















