Geschichte
«Wunder mit Ansage»
Walter Momper schildert die Situation vor dem 9. November 1989
erstellt 28.10.09, 21:03h, aktualisiert 28.10.09, 21:08h

Feier auf der Mauer - nach der Ankündigung der Reisefreiheit für DDR-Bürger am Abend des 9. November 1989 öffnete sich die Grenze. (FOTO: ARCHIV)
BERLIN/MZ. Heute vor 20 Jahren, am 29. Oktober 1989, traf sich Walter Momper (SPD), seinerzeit Regierender Bürgermeister von Berlin, mit dem Ost-Berliner SED-Chef Günter Schabowski. Bei dem Geheimgespräch erfuhr er, dass es Reisefreiheit für die DDR-Bürger geben sollte. Darüber sprach für die MZ Harald Biskup mit Momper.
Herr Momper, haben Sie früher als alle anderen gewusst, dass am 9. November 1989 die Mauer fallen würde?
Momper: Ich war vorab durch den Ost-Berliner SED-Chef Günter Schabowski informiert. Aber nur darüber, dass die DDR ein neues Reisegesetz plant und dass es irgendwann Reisefreiheit für alle DDR-Bürger geben würde. Einzelheiten oder gar ein Datum kannte ich nicht.
Ein echter Knüller, über dessen Tragweite Sie sich aber damals offensichtlich nicht im Klaren waren?
Momper: Nicht in der ganzen und tatsächlichen Dimension. Wir waren natürlich sehr vorsichtig in der Außendarstellung Dritten gegenüber. Ich war ja nicht der Pressesprecher von Schabowski. Aber es war uns eigentlich schon klar, dass diese Regelung, egal wie sie genau aussehen würde, früher oder später den Sturm von hinten über die Mauer bedeuten würde.
War Ihnen bewusst, dass diese Ankündigung faktisch das Ende der DDR bedeuten würde?
Momper: Nein, das konnten wir nicht abschätzen. Zu dieser Zeit hatten Krenz und Schabowski ja noch eine gewisse Autorität, auch wenn die Führung nur noch der Entwicklung hinterherrannte.
War Ihnen klar, dass es sich nur noch um Tage handeln würde?
Momper: Wie lange das noch dauern würde, war uns nicht klar. Wir haben eher später damit gerechnet. Schabowski hatte gemeint, "noch vor Weihnachten" und uns zugesagt, uns rechtzeitig zu informieren, wenn es soweit ist.
Muss die Geschichte des Mauerfalls neu geschrieben werden? War das Wunder vom 9. November gar kein Wunder?
Momper: Doch, doch natürlich, aber ein Wunder mit Ansage. Durch unser Vorwissen konnten wir dazu beitragen, dass es kein Chaos gab, sondern dass wir auf den zu erwartenden Massenansturm relativ gut vorbereitet waren. Ich hatte eigentlich immer damit gerechnet, dass es nach dem Druck durch die Massenausreisen über die Botschaften irgendwann einen Sturm von hinten über die Mauer geben würde.
Muss man die Bilder vom verdatterten Schabowski bei der legendären Pressekonferenz im Lichte der neuen Fakten neu interpretieren?
Momper: Es bleibt dabei, dass er nicht wirklich wusste, was er da mitteilte.
Wer war über alle Details des Gesprächs mit Schabowski informiert?
Momper: Die Alliierten und seit dem 3. November auch Bundeskanzler Kohl. Seine Antwort kam am 25. November, als die Mauer längst gefallen war. Auch in Bonn hat man das nicht richtig bewertet.
Was haben Sie am 29. Oktober 1989 bei dem Geheimtreffen mit Schabowski besprochen?
Momper: Das war eigentlich überhaupt nicht geheim. Wir haben es zwar nicht angekündigt, aber es hat hinterher eine Presseverlautbarung über die besprochenen Punkte gegeben, dass wegen der geplanten Erleichterungen im Reiseverkehr gemischte Arbeitsgruppen aus der DDR und dem West-Berliner Senat gebildet werden sollen. Schabowski hat zwei Stunden selbstkritisch über die DDR geredet, auch über Fehler die sie gemacht hätten. Das hatte ich so noch nie gehört. Am Ende unseres Gesprächs sagte er ziemlich unvermittelt, dass es Reisefreiheit geben werde. Er sah das eher als bürokratischen Vorgang an. Als ich ihn auf den möglichen Ansturm von 500 000 Menschen am ersten Tag ansprach, meinte er nur, machen Sie sich mal keine Sorgen, es besitzen ja nur zwei Millionen DDR-Bürger überhaupt einen Pass. Und bis die dann ein Visum haben, können wir das steuern. Ich sagte, der Druck wird doch von Tag zu Tag größer. Daraufhin sprachen wir über praktische Fragen, über zusätzliche Grenzübergänge, das Transportproblem und das Begrüßungsgeld zum Beispiel.
Wie ging es nach dem Treffen weiter?
Momper: Wir haben in der Zwischenzeit so getan als ob, viele Vorbereitungen anlaufen lassen und Planspiele angestellt. Und das Risiko war ja immer, dass irgendein Grenzer doch die Nerven verliert und schießt.
Wie groß war Ihre Überraschung, als der Tag X tatsächlich kam?
Momper: Der wirkliche Ablauf war natürlich eine totale Überraschung. Dass es so kommen würde, war in keinem unserer Planspiele vorgesehen. Und am meisten war ja Schabowski selbst überrascht.
Wie kommt es, dass es fast 20 Jahre dauerte, bis eine größere Öffentlichkeit von dem Treffen erfährt?
Momper: Es sind ja viele Details in Vergessenheit geraten. Mich hat das auch immer gewundert. Eine vernünftige Erklärung habe ich nicht dafür.
Haben Sie Ihr Wissen bewusst zurückgehalten?
Momper: Nein, ganz und gar nicht. Wir haben uns damals nur nicht getraut, offensiv zu verkünden: Die machen die Mauer durchlässig. Ich habe von dem Treffen später öfters erzählt, aber es war einfach nicht im Fokus der Beachtung.
Die ARD zeigt am 2. November ab 21 Uhr die Dokumentation "Schabowskis Zettel - Die Nacht, als die Mauer fiel".






























