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Sachsen

Dresdner Gericht wird zur Festung

Im Juli erstach ein Mann aus Fremdenhass eine Ägypterin - Nun beginnt der Prozess

VON BERNHARD HONNIGFORT, 22.10.09, 22:12h, aktualisiert 22.10.09, 22:23h
Plakate erinnern in Dresden an das Opfer. ...
Plakate erinnern in Dresden an das Opfer. (FOTO: DPA)
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DRESDEN/MZ. Das Dresdner Landgericht wird ab kommenden Montag Bühne eines außergewöhnlichen Prozesses sein. Ein Mord wird genau dort verhandelt, wo er stattfand, am Tatort Gericht. Anfang Juli war dort die Ägypterin Marwa El Sherbini während einer Verhandlung erstochen worden.

Die 31-jährige Mutter war Zeugin im Prozess gegen den Russlanddeutschen Alex W. Der 28-Jährige tötete sie während der Verhandlung mit einem Küchenmesser vor den Augen ihres Ehemannes und ihres dreijährigen Kindes. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor, Motiv: fanatischer Ausländerhass. Die Tat schlug ungeheure Wellen. In Ägypten und zahlreichen islamischen Ländern kam es zu heftigen Demonstrationen, nachdem El Sherbini in Alexandria beerdigt worden war. Aus der in Dresden lebenden Wissenschaftlerin und Muslimin war die "Kopftuch-Märtyrerin" geworden.

Sachsens Justiz ist alarmiert und hat sich mit außergewöhnlichen Sicherheitsmaßnahmen auf den Prozess vorbereitet. Das Landgericht ist zur Festung geworden. Es findet nur dieser eine Prozess statt, alle anderen wurden ausgelagert. Der Gerichtssaal wurde mit Panzerglas gesichert, Straßen gesperrt, Anwohner müssen ihre Autos woanders parken. Etwa 200 Polizisten bewachen täglich das Gebäude.

Wer ins Gericht will, wird an zwei Schleusen kontrolliert, als sei US-Präsident Barack Obama im Haus. Die Polizei geht von einer hohen Gefährdung für den Angeklagten und alle Beteiligten aus. Sie hält einen Racheakt für möglich.

Das ganze Drama hatte im vergangenen Jahr auf einem Spielplatz in Dresden-Johannstadt begonnen. Dort beschimpfte Alex W. die ägyptische Mutter. Angeblich gab es einen Streit um eine Schaukel.

Alex W. hatte die Kopftuch tragende Frau als "Schlampe", "Terroristin" und "Islamistin" tituliert und war vom Dresdner Amtsgericht wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 800 Euro verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft hielt das Urteil für zu milde. Es kam vor dem Landgericht erneut zur Verhandlung. El Sherbini, die mit ihrer Familie eigentlich dieses Jahr nach Ägypten heimkehren wollte, war als Zeugin geladen.

Am 1. Juli vormittags, sie hatte gerade ausgesagt, war Alex W. aufgesprungen, stürzte sich auf sie und stach mit einem Küchenmesser, das er in einem Rucksack in den Gerichtssaal geschmuggelt hatte, 16 Mal auf die schwangere Frau ein. Ihr Mann eilte ihr zu Hilfe und wurde ebenfalls verletzt. Zwei alarmierte Polizisten schritten ein, dabei fiel ein Schuss und traf unglücklicherweise den Ehemann des Opfers im Bein.

Die Staatsanwaltschaft hält Alex W. für einen heimtückischen Mörder. Laut Anklageschrift sei er geprägt von einem "ausgeprägten Hass auf Nichteuropäer und Moslems". Ihm droht eine lebenslange Strafe. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigte ihm volle Schuldfähigkeit.

Spekulationen, der seit sechs Jahren in Deutschland lebende Angeklagte sei ein im Tschetschenien-Krieg verrohter Ex-Soldat, erwiesen sich als falsch. Die Staatsanwaltschaft widersprach auch Zeitungsberichten, Alex W. sei womöglich schuldunfähig, weil in seinem Wehrpass angeblich eine psychische Erkrankung vermerkt sei.

Nicht nur die Tat, auch der bis zum 11. November auf elf Verhandlungstage angesetzte Prozess stößt auf hohes internationales Interesse: Zahlreiche Journalisten aus Europa, Ägypten und Russland werden ihn beobachten.


    
    
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