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Dessau

Über Schneeball-Effekt in die Köpfe

VON HEIDI THIEMANN, 16.10.09, 19:10h, aktualisiert 16.10.09, 19:46h
Multikulturelles Zentrum
In den Herbstferien nicht auf der faulen Haut gelegen, sondern sich mit dem Antirassismus und interkultureller Kompetenz beschäftigt, haben sich dreizehn junge Leute im Multikulturellen Zentrum. (FOTO: LUTZ SEBASTIAN)
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DESSAU/MZ. Herbstferien: Eigentlich Zeit, um auf der faulen Haut zu liegen. Und dennoch wimmelt es unterm Dach des Multikulturellen Zentrums vor Jugendlichen, die des Lernens nicht überdrüssig sind. "Es ist besser hierher zu kommen, als vorm Fernseher zu sitzen und nichts zu tun", sagt May Minhel. "Hier mache ich was Sinnvolles für mich." - Es ist ein ernstes Thema, mit dem sich dreizehn junge Leute eine Woche lang beschäftigen: Es geht um Antirassismus und interkulturelle Kompetenz.

"In Dessau gibt es relativ wenig Menschen mit Migrationshintergrund", sagt Detlev Flemming von der Interreligiösen und Interkulturellen Werkstatt im Multikulturellen Zentrum. "Das Bild der Zuwanderer wird hauptsächlich durch die Medien bestimmt." Es gebe aber andererseits viel Alltagsrassismus und Intoleranz. "Wir wollen einen Beitrag leisten, dass es hier bunter und toleranter wird", erzählt er.

Deshalb gibt es das Projekt "Interwork", das durch das Bundesprogramm "Vielfalt tut gut" des Bundesfamilienministeriums und des Magdeburger Sozialministeriums gefördert wird. Zwei Projektrunden in den vergangenen Herbst- bzw. Frühjahrsferien gab es schon. Nun sind Saduman Karaca und Zaklina Mamutovic vom Berliner Bildungsteam-Empowerment das dritte Mal in Dessau, um mit jungen Leuten zu arbeiten.

Die psychologische Wirkung von Diskriminierung wollen sie den Jugendlichen erfahrbar machen und Wissen zum Thema Integration vermitteln, "damit sie selbst andere Jugendliche für das Thema öffnen können", sagt Saduman Karaca. Sie weiß, dass man innerhalb "von kurzer Zeit keine Meinung, keine Einstellung ändern kann, aber man kann den anderen sensibilisieren". Auf dass sich die Wirkung wie ein Schneeball-Effekt verbreite. "Wichtig ist die Netzwerkbildung", ergänzt ihre Mitstreiterin Zaklina Mamutovic. Schon die bunt gemischte Gruppe im Multikulturellen Zentrum zeige, "dass die Jugendlichen dem Alltagsrassismus nicht als Einzelkämpfer gegenüber treten". Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem, sagt die Frau. Niemand, betont sie, habe das Recht zu sagen: Du gehörst hier nicht hin.

Den jungen Leuten den Rücken zu stärken, haben die beiden Berlinerinnen viele Spiele und Übungen mitgebracht, helfen ihnen, Strategien gegen Rassismus zu entwickeln. Damit die Jugendlichen selbst im Gespräch oder in Seminaren an Schulen und Jugendeinrichtungen andere für das Thema sensibilisieren können.

Bunt gemischt ist die Gruppe, weil sowohl Jugendliche mit deutschen als auch ausländischen Wurzeln bei "Interwork" mitmachen, unterschiedliche Erfahrungen beisteuern können. Da ist beispielsweise Neveen Ghareeb aus Gräfenhainichen, die an ihrer Schule so sehr gemobbt wurde, dass sie sagt "ich war am Ende. Ich konnte das nicht mehr aushalten. Aber keiner wollte mir helfen." Als sie vom ersten "Interwork"-Seminar gehört hatte, kam sie nach Dessau. Hier, sagt die 24-Jährige, "habe ich meine Angst besiegt". Sie wisse jetzt, welchen Weg sie gehen müsse.

"Blöde Sprüche" über Ausländer und dass die nur Drogen verticken, die hat May Minhel auch schon oft gehört in ihrem Umfeld. Um besser damit umgehen zu können, ist sie beim Seminar dabei. "Ich möchte helfen, Vorurteile abzuschaffen", sagt das in Dessau geborene Mädchen. Die Arbeitskonzepte, die sie hier erhalte, lobt Julia Heymann. "Für die unterschiedlichen Altersgruppen wird das gut rübergebracht und aufgezeigt", findet die 20-Jährige. Zum ersten Mal bei "Interwork" macht Leopold Lüderitz (21) mit, "weil ich mich für das Thema interessiere, denn Rassismus und Diskriminierung sind in der heutigen Gesellschaft nicht zu leugnen." Auch privat engagiere er sich, um dagegen etwas zu tun. Eine relativ gefestigte Meinung zum Thema hat Malik Hebbat aus Wolfen. Interessant ist für den künftigen Wirtschaftsassistenten, "wie gehen andere Menschen damit um". Erfahrungen zu sammeln, ist auch Jamal Mohammed Khalif gekommen. Als kleiner Junge hatte der in Somalia Geborene Diskriminierung in der Schule erlebt. Später möchte er selber Referate halten, Seminare anleiten, mit anderen ins Gespräch kommen, sagt er.

Die Praxiserfahrung, kündigt Detlev Flemming an, werden die jungen Leute sammeln können. Bei Teil vier von "Interwork" im Mai 2010, wenn Saduman Karaca und Zaklina Mamutovic mit ihnen Seminare vorbereiten, dann hospitieren und Tipps geben.


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