Hamlet tanzt zu Vivaldi und Gothik
Die Musik für die beeindruckende Shakespeare-Adaption stammt sowohl von Vivaldi und Offenbach als auch aus einem Klassik-Pop-Rock-Gothik-Mix des Ballettmeisters. Mittelalter-Sounds und Gothik-Musik mischen sich mit harten Gitarren-Riffs, mit Klassik von Anne-Sophie Mutter und Pop-Versionen mit Vanessa Mae. Jurasz versicherte sich zudem der Unterstützung von Kordula Kirchmair-Stöversand, die eine grabesstimmige Ausstattung schuf.
Die Frage schien in der ausverkauften Premiere weniger ob, sondern wie erfolgreich es dem Halberstädter Ballett-Chef gelingt, William Shakespeares wortgewaltiges Drama in tänzerische Bewegung zu transformieren. Nur nebenbei angemerkt sei, dass er in gewohnter Weise diesen oder jenen Schrei und mehrsprachig das Shakespeare-Wort vom "Sein oder Nichtsein" in die Handlung einfließen lässt.
Mit einem grandiosen Jaume Bonnin in der Titelrolle und einer in beeindruckender Intensität und Verletzlichkeit tanzenden Anja Herm als Ophelia wählte er wohl die Idealbesetzung aus seinem kleinen, aber sehr leistungsstarken Ensemble. Doch hohe tänzerische Virtuosität forderte er von allen Ensemble-Mitgliedern ein, denn nur so gelingt die körperbetonte Darstellung der handelnden Charaktere. Bis in die Gesichtszüge spiegeln sich Trauer, Ablehnung und Zuneigung.
Ungewohnt stark setzt Jaroslaw Jurasz auf mystische Momente und Grusel, was seine Ausstatterin mit dunklen Versatzstücken auf der Bühne, dem omnipräsenten Sarg und wallenden Vorhängen noch verstärkt. Hier stellt die Choreografie stark auf den Kampf mit dem "Geist" des gemeuchelten Vaters (Timo-Felix Bartels) ab, der den Widerstreit mit sich selbst fast überdeckt. Die Doppelbesetzung von Bartels als Vater und als dessen königlicher Nachfolger Claudius lässt mehrere Deutungen gerade im Hinblick auf die Frage von Generationen- und Familienkonflikten offen. Schließlich nahm sich der Onkel nicht nur die Herrschaft, sondern auch Hamlets Mutter.
Jaume Bonnin erhält in den 90 atem- wie pausenlosen Ballett-Minuten die Gelegenheit zu einem breitgefächerten Spektrum nuancierten Tanzens und trägt optisch schwer an inneren Konflikten, Entsetzen, Verlust und Rachegedanken. Am Sarg des Vaters wirkt er wie eine Bombe, innerlich zerrissen und tänzerisch hochgeladen, was die Musik noch unterstützt. Er absolviert immer wieder kraftvolle Sprünge, manchmal fast wie sich körperlich selbst quälend. Nur einmal scheint sein Herz aus dem Seelen-Dunkel zu leuchten: Im ergreifenden Pas de deux mit Ophelia.
Anja Herm tanzt eine kindlich-verletzliche Ophelia, eine enttäuschte junge Frau, die sich in den Wahnsinn rettet, ein- und ausgewickelt vom Vorhang der Geschichte, mit dem sie sich dann das Leben nimmt. Der detailbesessene Choreograf verwandte viel Kraft auf die choreografische Zeichnung seiner Protagonisten. Jurasz kombiniert nicht nur scheinbar widerstreitende Rhythmen, er tut es auch mit klassischem Schrittmaterial und Attitüden zeitgenössischen Bühnentanzes und der Techno-Szene.
Hervorzuheben ist der Pas de deux von Katia Alves de Alencar als Königin Gertrud mit Timo-Felix Bartels (Claudius), der in seinem Solo durch beeindruckende Kraft seiner Tanzsprache überzeugt. Nicht minder expressiv die von Stephan Müller getanzte Heimkehr Laertes, den Tod allüberall erwartend. Tänzerisch makellos Daniel James Butler, der Jurasz auch choreografisch assistierte, als Polonius. Der Halberstädter "Hamlet" baut auf optische wie akustische und tänzerische Mittel. So gleicht die Überführung des Onkels durch das Nachspielen der Mordszene einer Powerpoint-Präsentation. Die Geschichte wird flüssig erzählt und mit Eleganz und Ästhetik getanzt. Da fliegen Totenköpfe und kreuzen sich Klingen, ein dämonischer Totentanz läuft ab, bis Horatio (Kimiko Koo) nur noch von Tod umgeben ist. Langes Schweigen im dunklen Zuschauerraum, dann Bravos, Beifall, stehende Ovationen.



















