Demokratie im Alltag verankern
Der «Lokale Aktionsplan für Demokratie und Toleranz» nimmt die nächste Etappe in Angriff
VON SILVIA BÜRKMANN, 19.06.09, 19:53h, aktualisiert 19.06.09, 19:56h

Ein großes Podium fand sich zum Strategie-Workshop vom Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Toleranz und Bündnis gegen Rechtsextremismus im Alten Theater zusammen. (FOTO: SEBASTIAN)
DESSAU/MZ. Der designierte, aber "Noch-nicht-ganz-Hausherr" begrüßte die Runde mit nicht gelindem Erstaunen. André Bücker, angehender Generalintendant am Anhaltischen Theater und seit einem Dreivierteljahr in Dessau Zuhause, hat in dieser von ihm intensiv genutzten "Aufwärmphase" schon zahlreiche Veranstaltungen besucht, ohne sich an eine derart zahlreiche Teilnehmerschaft erinnern zu können. Das Foyer im Kulturzentrum Altes Theater war besetzt bis auf den letzten Platz.
Eingeladen war am Freitag zu einem Strategieworkshop "Gelebte Demokratie, aber wie? - Perspektiven und Handlungsstrategien für ein weltoffenes Dessau-Roßlau". Was derart sperrig klingt, muss dennoch einen Nerv berührt haben, dass sich fast 70 Männer und Frauen, darunter führende Köpfe aus lokalen Wirtschaftsunternehmen, zusammensetzen mit zivilgesellschaftlichen Initiativen. Oder wie Bücker ableitet: "Das Ziel impliziert, dass es ein Problem gibt." Ja, es gibt in Dessau-Roßlau rechtsextreme, rassistische und antisemitische Denk- und Verhaltensmuster. Diese Tatsache zu akzeptieren und klar zu benennen, sei der erste Schritt. Dann stelle sich die Zivilgesellschaft aktiv gegen menschenverachtende, intolerante Strömungen. Aus Sorge um Ansehensverlust das Problem auszublenden, sei keine Lösung. André Bücker spricht aus eigener Erfahrung, die er als Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters Halberstadt / Quedlinburg sammelte. Als im Juni 2006 eine Gruppe von Neonazis mitten in Halberstadt eine Schauspielgruppe blutig zusammengeschlagen hatte, gab es im Harz einen Paradigmenwechsel: Die Öffentlichkeit diskutierte über den Vorfall auch jenseits der vier Wände und Stammtische. Das habe sich positiv ausgewirkt auf das Stadt-Image, habe eine Bürgergemeinschaft gestiftet.
Um die ringen auch in Dessau-Roßlau Akteure in verschiedenen Gruppen, Vereinen und Bündnissen. Aus triftigem Grund, wie Oberbürgermeister Klemens Koschig in seinen Grußworten verdeutlichte. So sei zwar am Vortag die Ganztagsschule Zoberberg in das Europäischen Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" aufgenommen worden, so wirke das Bündnis gegen Rechtsextremismus seit zwei Jahrzehnten interdisziplinär und interfraktionell zusammen und doch sehe sich die Stadt Dessau-Roßlau wieder in die Rolle des Reagieren-Müssenden gedrängt, als extreme Gruppen eine Kundgebung an der Museumskreuzung anmeldeten, und diesmal die Massenproteste vom 17. Juni 1953 zum Anlass nahmen, Totenkopffahnen zu schwingen. "Zu diesen Demonstrationen kommen viele Auswärtige. Aber es kommen auch Leute direkt aus unserer Mitte", fasst Koschig das Workshop-Thema zusammen: Demokratieentwicklung ist die beste Rechtsextremismusprävention.
Nun erhielt die Stadt Dessau-Roßlau vor zwei Jahren den Zuschlag für ihren Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Toleranz (LAP) im Rahmen der Bundesinitiative "Vielfalt tut gut". Eine Bestandsaufnahme über darin zusammengeflossene Aktionen, Projekte und Kampagnen obliegt Steffen Andersch von der LAP-Koordinierungsstelle. "Der Aktionsplan ist angekommen in der Stadt, hat sich zu einer kleinen Erfolgsgeschichte entwickelt", so Andersch. 44 Einzelprojekte konnten mit bisher 279 000 Euro gefördert werden, weitere 66 Anträge liegen vor. Als Stärken bewertet Andersch die Sensibilisierung der Bevölkerung mit geschärfter Wahrnehmung rechtsextremistischer Tendenzen, die kosmopolitische Tradition der Bauhaus-Ideen und die Kooperation der zivilgesellschaftlichen Bündnisse mit der Verwaltungsspitze auf Augenhöhe. Schwachstellen und strukturelle Defizite sieht der LAP-Koordinator in der unzureichenden Verankerung der Projekte im Lebensalltag. Gerade daran nun setzen sich die Workshop-Arbeitskreise und diskutieren bis zum Nachmittag. Andersch: "Wir können heute die Welt nicht retten. Aber anfangen. Und da darf auch gesponnen werden."












































