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Junge Leute erforschen den Alltag unterm NS-Regime

Aktion: Veranstaltung zu Rechtsextremismus bietet Aufklärung und Unterhaltung

VON STEFANIE HOMMERS, 17.05.09, 17:48h, aktualisiert 17.05.09, 20:52h
«SupersighCo»
Beim musikalischen Abschluss des Aktionstages dabei: die Band «SupersighCo». (FOTO: ACHIM KUHN)
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WITTENBERG/MZ. "Meine Kindheit im Faschismus war sonnig und schön." Ungeschminkt beschreibt Dieter Schäfer, Jahrgang 1936, seine Jugendjahre unterm Hakenkreuz, seinen kindlichen Glauben an den Führer und "wie unvorstellbar es für uns war, den Krieg zu verlieren". Eine Reihe junger Leute lauscht aufmerksam. Den Leiter des Wittenberger Kulturbundes und seine Zuhörer trennen Jahrzehnte. Was sie eint, ist das Interesse daran, deutlich zu machen, wie die nationalsozialistische Ideologie wirkte und den Alltag in der Lutherstadt bestimmte.

"Wittenberg feiert bunt" lautet der Titel eines Aktionstages, der am Sonnabend von Wittenberger Jugendlichen gemeinsam mit Katharina Stromberg von der Evangelischen Akademie ins Leben gerufen wurde und in Kooperation unterschiedlicher Institutionen von Internationalen Bund (IB) über das "Haus der Geschichte", den Verein "Kultur mit Sahne", dem Projekt niA (network in Action) und nicht zuletzt fünf Bands aus der Region gestaltet wird. Das Programm verbindet Information mit Unterhaltung, Geschichte mit Gegenwart, und schlägt eine Brücke zwischen den Generationen.

"Kindheit und Jugend im nationalsozialistischen Wittenberg" lautet der Titel einer Ausstellung, die im Saal des KTC im Beisein von Zeitzeugen den Reigen eröffnet. Zehn Tafeln machen deutlich, wie diejenigen, die in den 30er und 40er Jahren Kinder waren, in Schule und Vereinen, bei Kultur und Sport und nicht zuletzt als Flakhelfer von einem auf Gleichschaltung ausgerichteten System vereinnahmt wurden.

Für die vom "Haus der Geschichte" sowie dem IB initiierte Geschichtswerkstatt tauchten die jungen Leute tief in die Vergangenheit ihrer Heimatstadt, verbrachten Stunde um Stunde damit, Zeitungen im Stadtarchiv zu durchforsten, Fotos und Originaldokumente vorsichtig mit weißen Schutzhandschuhen zu sichten, einen Fragekatalog für die Gespräche mit den Zeitzeugen zu entwickeln, Interviews zu führen, sie auszuwerten, die Materialsammlung schließlich zu bündeln und alles zur Ausstellungsreife zu bringen. Christel Panzig zollt den Gestaltern der der Exposition denn auch ihre "Hochachtung für engagierte Arbeit unter schwierigen Bedingungen".

All das hat die Jugendlichen verändert. "Ich hab auf jeden Fall jetzt eine andere Sicht auf die Geschichte und auf Wittenberg", sagt Christoph Köcher. Als Mediengestalter war Köcher zudem an der Gestaltung der Ausstellung beteiligt. Die Auseinandersetzung mit den Zeitzeugen war für viele Teilnehmer ein entscheidender Aspekt. Gregor Thiele benennt das Hinterfragen, das Vergleichen der allgemeinen geschichtlichen Ereignisse mit den persönlichen Erlebnissen der damaligen Kinder, ihre Reflexion und nicht zuletzt "die Offenheit der Gesprächspartner" als prägende Gesichtspunkte. Neben Dieter Schäfer haben die Jugendlichen deshalb an diesem Nachmittag Jutta Kleiner (Jahrgang 1937) eingeladen. Ihre Eltern leiteten das Kino in Zahna und als kleines Mädchen hatte sie so viele Wochenschauen mit lächelnden und fröhlichen Soldaten gesehen wie kaum jemand anders. "Solche Bilder prägen", sagt Jutta Kleiner heute.

Prägungen ganz anderer Art erlebte Ernst-Georg Böttcher. 1928 geboren, war Böttcher alt genug, um 1944 noch zum Flakhelfer ausgebildet zu werden und in Gefangenschaft zu geraten. In der Rückschau sieht sich Böttcher als "ein Zwischending". Er habe zwar nie Hurra geschrieen, "aber richtig dagegen war ich auch nicht".

Noch gebe es Menschen, die ihre persönlichen Erfahrungen beisteuern könnten, betonen die Ausstellungsmacher, die ihre Beweggründe auch auf den Tafeln deutlich gemacht haben. "Der Nationalsozialismus geschah eben doch vor der eigenen Haustür, ermöglicht und gefördert durch die Mehrzahl der Deutschen, quer durch alle Gesellschaftsschichten."

Dass es beim Aktionstag nicht zuletzt darum geht, Warnsignale frühzeitig wahrzunehmen, Symbole einer modernisierten rechten Szene jenseits von Glatze und Springerstiefel heute zu kennen und zu erkennen, wird beim Vortrag von Mario Bialek vom Dessauer Projekt "GegenPart" deutlich. Auch die Szenen des Theaterjugendclubs "Chamäleon" aus einem Stück, entstanden nach den Ereignissen von Halberstadt, plädieren für ein genaues Hinschauen und am Abend heißt es Hinhören beim musikalischen Abschluss von Jazz bis Punk. Wittenberger feiert bunt. Ein paar Gäste mehr hätten aber durchaus noch kommen dürfen.


    
    
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