Halberstadt
Die zwei Tode des Helmut S.
Vor neun Jahren starb ein Rentner, weil er sich gegen rechte Musik wehrte
VON ALEXANDER SCHIERHOLZ, 23.04.09, 20:01h, aktualisiert 23.04.09, 20:25h

Noch immer trauert Heide Dannenberg um ihren Lebensgefährten, der von einem Neonazi niedergestochen wurde. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)
HALBERSTADT/MZ. Es ist neun Jahre her, aber für Heide Dannenberg wird es nie ein Ende haben. Beim Einkaufen, im Park, auf dem Weg zur Arbeit: Jederzeit kann sie dem Mann wieder begegnen, der ihren Lebensgefährten tötete - und dafür nie ins Gefängnis musste. Jede dieser Begegnungen ruft in Heide Dannenberg die Bilder von damals wieder wach. Die Angst, den Schmerz, die Wut. Aber sie läuft nicht weg, sie hält seine Blicke aus. Und er ihre. "Er hat kein Schamgefühl", sagt sie. "Und ich habe keine Angst vor ihm."
Es ist der 29. April 2000, an dem es Helmut S. endgültig zu viel wird. Es ist nicht das erste Mal, dass laut rechte Musik durch den sechsgeschossigen Halberstädter Plattenbau schallt. Der Lebensgefährte von Heide Dannenberg ruft die Polizei: "Bei uns im Haus werden Nazi-Lieder gespielt, Horst-Wessel-Lied, ganz laut." Stunden später, die Beamten sind längst wieder weg, liegt der 60-Jährige tot im Hausflur. Erstochen vom Nachbarn Andreas Sch., aus dessen Wohnung immer wieder die Nazi-Musik dröhnte. Helmut S. war ihm begegnet, als er nur noch kurz den Hund ausführen wollte.
Der Fall scheint klar, doch im September 2000 spricht das Landgericht Magdeburg den 29-Jährigen frei. Die Kammer gesteht ihm zu, er habe in Notwehr gehandelt und dem Rentner die vier tödlichen Messerstiche "in Todesangst" (so der Angeklagte) versetzt, weil er fürchtete, von diesem eine Kellertreppe hinabgestoßen zu werden.
Angeklagt ist Sch. wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Die rechte Musik dagegen spielt keine Rolle. Obwohl die Polizei noch in der Tatnacht kistenweise einschlägige Tonträger und Propagandamaterial zum Teil verbotener Organisationen in Sch.'s Wohnung beschlagnahmt, wird das entsprechende Verfahren abgetrennt. Warum? Weil dafür, so wird später eine Staatsanwältin sagen, ein anderes Dezernat zuständig sei.
Kinder und Geschwister von Helmut S. wollen sich damit nicht abfinden, sie gehen in Revision. Doch vom Landgericht Halle wird der Freispruch für Andreas Sch. im April 2005 bestätigt: Trotz mehrerer Lügen des Angeklagten, so die 1. Große Strafkammer damals, habe Notwehr nicht zweifelsfrei widerlegt werden können. Ein rechter Hintergrund spielt auch in Halle keine Rolle. Vielmehr, so das Gericht, gelte auch in diesem Fall "im Zweifel für den Angeklagten". Der mittlerweile 33-Jährige sagt von sich, er sei kein Rechter, nur Musiksammler.
Spätestens mit dem zweiten Freispruch sorgt der Fall über Halberstadt hinaus für Aufsehen. Der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse rügt den halleschen Richterspruch als "skandalös". Das Opfer sei zum Täter gemacht worden, sagt Heike Kleffner von der Magdeburger Opferberatung. Der ehemalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick hatte schon während des Revisionsprozesses gewarnt, Fälle wie diesen als "Wirtshausstreit" abzutun.
Für Heide Dannenberg ist ihr Lebensgefährte mit den Freisprüchen "zum zweiten Mal gestorben." Die 54-jährige Kindergärtnerin sitzt auf einem altertümlichen Sofa in ihrer Halberstädter Dachgeschosswohnung. Hierher ist sie nach der Tat gezogen, "nur mit ein paar Erbstücken". Sonst hat sie sich komplett neu eingerichtet. Ein bewusster Neuanfang.
Dass sie nicht zerbrochen ist am Tod ihres Lebensgefährten, am Hadern mit den Gerichten, das, sagt sie, "liegt auch an den vielen Menschen, die mir geholfen haben". An den Mitarbeitern eines Jugendclubs zum Beispiel, die damals den Kontakt zur Beratung für Opfer rechter Gewalt herstellten. An den Beratern selbst. Mit ihnen konnte sie reden, immer wieder reden. "Ich habe mich freigeredet."
Und sie redet weiter. Auf Veranstaltungen, in Diskussionsrunden. Neulich hat sie ihren Kollegen erzählt, dass mal wieder jemand von der Presse kommt. "Kannst du denn nie Ruhe geben?!", war die Antwort. Nein, kann sie nicht. "Das ist meine Art der Verarbeitung. Ich will nicht, dass Helmuts Tod in Vergessenheit gerät."
Man kann sich fragen, ob der Rechtsstaat an Grenzen gestoßen ist in diesem Fall. Heide Dannenberg hat die Frage für sich mit Nein beantwortet. Aber, sagt sie, Polizei und Justiz müssten konsequenter gegen rechts vorgehen. "Ansonsten", diese bittere Erkenntnis hat sie für sich gewonnen, "kann man von niemandem verlangen, Zivilcourage zu zeigen". Von mangelndem Vertrauen in die Behörden berichtet auch Opferberaterin Heike Kleffner. Vor allem im Harz würden Angriffe oft nicht mehr angezeigt. Nachvollziehbar, meint Kleffner, rät aber dennoch zur Anzeige: Nur so werde das Ausmaß rechter Gewalt bekannt und bestehe die Möglichkeit, die Täter zu verfolgen.
Im Innenministerium heißt es, man habe Verständnis für Dannenbergs Kritik nach deren Erfahrungen. Doch was die Zusammenarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft bei der Verfolgung politisch motivierter Straftaten angeht, hält sich das Ministerium zugute, "einen großen Schritt weitergekommen zu sein", wie Sprecher Klaus-Peter Knobloch sagt. Der Informationsaustausch zwischen Polizei und Justiz sei besser geworden. Knobloch führt das nicht zuletzt auf einen im September 2007 gemeinsam mit dem Justizministerium herausgegebenen Erlass zurück, wonach bei rechten Delikten beschleunigt ermittelt werden soll.
Heide Dannenberg wird trotzdem skeptisch bleiben. Und wachsam. Sie wird Andreas Sch. weiter in die Augen blicken. Immer wieder. Sie will das aushalten. In Halberstadt geboren und aufgewachsen, hat sie nie daran gedacht wegzuziehen. "Das Feld zu räumen", sagt sie bestimmt, "ist die schlechteste aller Lösungen."



































