Karawane gegen rechte Gewalt
Spurensuche im Internet und Reaktionstraining helfen dabei
VON RALF BÖHME, 23.04.09, 18:43h, aktualisiert 23.04.09, 22:22h

Eine Station der Karawane war das Anti-Aggressionstraining an der Höhnstedter Sekundarschule. (FOTO: THOMAS MEINICKE)
HÖHNSTEDT/SALZMÜNDE/MZ. Angriff oder Verteidigung? Wie reagiert man richtig, wenn Schläge drohen? Eine Karawane gegen rechte Gewalt zieht jetzt durch den Saalekreis. Erste Station ist die Sekundarschule in Höhnstedt. Es folgt die Förderschule in Salzmünde. Später kommt das Projekt noch an die Gesamtschule in Bad Dürrenberg und in die Berufsschule Leuna. Die Route, die die Karawane nimmt, ist abgestimmt mit dem Landratsamt und der Landeszentrale für politische Bildung.
"Der erhobene Zeigefinger ist in diesem Projekt arbeitslos", sagt Schulsozialarbeiter Roman Zimmermann vom Verein Natur-Jugend-Kultur, der die Workshops in den Schulen vorbereitet. Partner der Schüler sind junge Sozialarbeiter, deren Tätigkeit der Saalekreis finanziert, und Studenten der Fachhochschule Merseburg im Praktikum. So locker die Crew auch daher kommt, nimmt sie die Aufgabe überaus ernst. Die Angebote, die sie den Mädchen und Jungen der neunten Klassen unterbreiten, sind mit viel Bedacht auf diese Altersgruppe zugeschnitten. Ganz klar spielt dabei die Spurensuche im Internet eine wichtige Rolle, aber nicht nur. Dabei geht es unter anderem um gezielte Recherchen zu Gewalttaten mit nazistischem Hintergrund.
Auch das Training, wie man Aggressionen im Alltag begegnen kann, ist ganz nach dem Geschmack der Jugendlichen. Eine Woche dauert so ein Schulprojekt jeweils. Alles, was dabei eine Rolle spielt, mündet dann in eine Präsentation am fünften und letzten Tag der Zusammenarbeit.
Klischees - Orientierung - Suche, unter diesen Stichworten ordnen die Schüler die Ergebnisse ihrer Diskussionen, neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Es bleibt eine Zeitung, die anhand von Tatsachen die Auswirkungen rechtsextremen Gedankengutes darstellt. Ähnlich, jedoch mit anderen Schwerpunkten, verfährt ein von den Schülern fabriziertes Radio-Feature. Und manches Brauchbare vermittelt auch ein Trainingsprogramm gegen Aggression.
Klassenleiterin Christine Linke aus Höhnstedt hebt einen Vorteil hervor, den so ein Projekt gegenüber dem Unterricht hat. "Die Teilnehmer müssen sich mehr einbringen, sonst läuft gar nichts." Wie die Schwerpunkte gesetzt werden, hänge letztlich allein von den Schülerinteressen ab. In jedem Falle aber würde Fächer übergreifend gearbeitet. Es gebe Elemente aus Deutsch, Mathematik und Physik, aber auch aus der Computertechnik, der Kunst oder des Sports.
Toni und Matthias, zwei von 17 Schülern der 9 b in Höhnstedt, glauben jetzt zum Beispiel, dass sie den richtigen Dreh gefunden haben. Immer wieder haben sie unter Anleitung von Workshop-Leiter Maron Szapo aus Merseburg bestimmte Situationen durchgespielt und trainiert. "Ausweichen, aber nicht wegrennen", meint Toni. Und Matthias ergänzt: "Dem Angreifer eine Grenze setzen, mit Geschick und Kraft." Ganz praktisch bedeutet das: freier Fall auf die Matte.
Eine klare Sprache gilt auch nebenan, im mobilen Radio-Studio. Faschismus - was ist das? Einige Antworten vermittelte ein Gespräch mit einem über 70-jährigen Wettiner. Zusätzliches Wissen stammt aus einem Dokumentarfilm und aus dem Internet. Praktikant Rainer Kahl meint: "Wissen schützt vor Verführung." Allerdings müsse man sich eingestehen, dass viele der Schüler enorme Wissensdefizite haben. So könne der Holocaust oft nicht einmal zeitlich eingeordnet werden. Mancher lehne Ausländer ab, ohne je ein Wort mit einem Ausländer gewechselt zu haben. Und selbst den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt kennen viele Schüler nicht einmal mit Namen.




































































































