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Ausstellung in Berlin

Wie man Tagebuch schreiben und dabei Holz hacken kann

Vom Buch zum Blog: Auf Papier und im Internet geführte Journale zeigt das Museum für Kommunikation in Berlin-Mitte

VON CHRISTIAN EGER, 29.03.09, 19:38h, aktualisiert 29.03.09, 22:13h
Tagesnachrichten auf Holz
Tagesnachrichten auf Holz, notiert von Hans Gröner (FOTO: MFK, DIETMAR RIEMANN)
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BERLIN/MZ. Am Anfang war das Holz. Und das Holz wurde Wort. Es wurde Wort nicht allein in seiner sinnfälligen, also analogen Variante: in Gestalt von Zetteln, Kladden, Büchern. Papieren allesamt, die aus dem Rohstoff Holz gewonnen werden. Das Holz wurde auch Wort in seiner digitalen Spielart: zum Beispiel in den weltweit einsehbaren Selbstgesprächen, die Einzelne im Internet in Gestalt eines "Blogs" führen können. Interaktive Journale, die dem Ideal der Gleichzeitigkeit von Erlebnis und Reflexion immer näherzukommen trachten.

Die Kommunikation auf dem Holzweg? Die im Museum für Kommunikation in Berlin ausgerichtete Ausstellung "@bsolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog" würde eine solche Pointierung zulassen, auf sachkundige Weise. Denn der Begriff "blog" ist nichts anderes als eine Kreuzung der Wörter "Web" für Internet und "log" für ursprünglich "Logbuch", also jenem Tagesprotokoll, das Seefahrer an Bord ihrer Schiffe führen. "Log" ist im Englischen der Ausdruck für "Holzklotz". Und mit einem Stück Holz (auch: logge) wurde ursprünglich die Fahrtgeschwindigkeit eines Schiffes ermittelt. Dieser Messklotz ist verschwunden, der Begriff geblieben. In der Internet-Welt lebt er fort: Im "Logger" (Holzfäller), der ein "Blogger" wurde, der Autor eines Internetlogbuches sozusagen.

Starker Ostwind. Das wars

Herkunftslinien, die in der Berliner Schau überraschend und handfest vor Augen geführt werden. Als zum Beispiel 1994 im Alter von 80 Jahren der Zimmermann Hans Gröner in Hannover gestorben war, entdeckte seine Enkelin Anke riesige Stapel von Brennholzscheiten, die der Großvater nicht etwa zum Verfeuern, sondern zum Notieren des Tagesgeschehens angelegt hatte.

Kleinformatige Schnittreste, auf die der alte Herr mit Filz- oder Bleistift Nachrichten geschrieben hatte wie am 27. April 1989: "9 Uhr, 7 Grad / Es hat viel geregnet / Ganz schön hoch, Keine / Neuigkeit. Heute ins Krankenhaus..." Oder 12. Mai 1989: "Himmelfahrt. Flugschau / Starker Ostwind / Das wars." Hans Gröner also, der "Logger", der Deutschlands erster "Blogger" war.

In der Ausstellung sieht man Gröner hoch oben auf einer Leiter stehen, die an dem Holzstapel lehnt, der sein Tagebuch war. Einige seiner Originalnotizen sind hinter Glas zu sehen: Holzklötze und -scheite. Die Gröner-Nische ist von besonderem Interesse, weil diese geradewegs zum Blog seiner Enkelin hinüberführt, deren Internet-Präsenz "www.ankegroener.de"
zu den hierzulande am meisten verlinkten Journal-Plattformen zählt.

Es ist eine beschreibende und reflektierende Ausstellung gleichermaßen, die anhand von über 300 Originaltagebüchern im Bau des alten Reichspostmuseums gezeigt wird; im Fall von James Cook und Goethe, von Victor Klemperer und Thomas Mann sind weltkulturerbewürdige Journale darunter! Welche Arten von Tagebüchern es im Blick auf Material, Gegenstand, Handhabung und Adressaten gibt: Alles das wird hier buchstäblich und klug sortiert aufgeblättert - und bis auf die Weblogs ausgedehnt. Auf grauen Filzquadraten, die Auszüge aus berühmten Tagebüchern bieten, geht der Gast durch die abgedunkelte Schau. Auf leisen Sohlen: Achtung, Besucher, du betrittst einen nur halböffentlichen Raum!

Albert Speer schläft durch

So steht man vor der ersten Vitrine, die - als Prototyp des Tagebuches - einen Chronikkalender von um 1700 zeigt, schaut an sich herunter und liest da, was Hitlers Bau- und Rüstungschef Albert Speer am 24. März 1947 im Gefängnis notierte: "Jetzt bin ich bei täglich zwölf Stunden Schlaf angelangt. Wenn ich das durchhalte, verkürze ich - gegenüber meiner normalen Schlafzeit von sechs Stunden - meine Haftzeit um ganze fünf Jahre."

Absolut privat? Die Titelfrage ist nur allzuberechtigt. Denn der Tagebuchschreiber ist nicht allein. Er wünscht sich einen Mitleser, der er irgendwann auch selbst sein kann, oder er hat mit der Gefahr zu rechnen, dass es einen Mitleser geben wird. Auf jeden Fall tritt der Autor neben sein Alltags-Ich. Er schreibt an eine Zukunft, die er nicht kennt, aber deren Teil er bereits ist. Der Unterschied zum Blog ist nur der: Das Papiertagebuch wird von vorn nach hinten, die Internet-Variante von hinten nach vorn gelesen.

Es sind starke Stücke, die diese Ausstellung in einzigartiger Dichte näher vorstellt: da ist das Tagebuch der Anne Frank, da sind die Onlinetagebücher des Autors Rainald Goetz, die Tagebücher des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels (der alle seine Notizen 1944 im Mikroformat ablichten ließ), da ist das DDR-Tagebuch des "Ausreise"-Kandidaten Dietmar Riemann. Und da sind die in einer Taschenuhr überlieferten, auf Zigarettenpapier ausgeführten Notate des SPD-Journalisten Fritz Solmitz, die dieser in Kleinstschrift während der KZ-Haft ausführte, die er nicht überlebte. Man liest das und begreift, was überlieferte Selbstzeugnisse auch sind: die Ausdehnung der Mitwelt über das zeitlich und räumlich unmittelbar Wahrnehmbare hinaus.

Bis 30. August: Di-Fr 9-17 Uhr, Sa-So 10-18 Uhr. Katalog, 160 S., 17,80 Euro.

Die Ausstellung als Blog:

http: / /tagwerke.twoday.net /


    
    
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