Rechtsextremismus
Die Angst ist immer da
Viele Migranten fühlen sich nach Neonazi-Angriffen nicht mehr sicher - Umzug ist nicht erlaubt
VON ALEXANDER SCHIERHOLZ, 25.03.09, 21:50h, aktualisiert 25.03.09, 22:01h
BURG/MZ. Die Angst lässt ihn nicht mehr los. Sie ist da, wenn er einkaufen geht. Wenn er im Park spazieren geht. Wenn er an der roten Ampel wartet und auf der anderen Straßenseite eine Gruppe junger Männer sieht. Neulich hat jemand aus einem fahrenden Auto heraus eine Bierflasche in seine Richtung geworfen. Zum Glück hat das Geschoss ihn verfehlt. "Waren sie das?" hat er sich gleich gefragt.
Zehn Monate ist es her, dass François (Name geändert) und ein Freund aus Saudi-Arabien vor einer Diskothek in Burg (Jerichower Land) überfallen worden sind. Der 24-Jährige aus Burkina Faso wird am Auge verletzt, sein Begleiter am Knie. Die Polizei spricht von einem rechten Hintergrund der Tat.
Aufgeklärt ist der Fall bis heute nicht. Unter anderem, weil Streifenbeamte vor Ort zwar die beiden Opfer in Sicherheit bringen, aber keinerlei Personalien von Umstehenden aufnehmen. Mittlerweile ist ein 22-jähriger Tatverdächtiger ermittelt, den die Polizei der rechten Szene zuordnet. Der Mann streite die Vorwürfe ab, sagt der Burger Polizeichef Philipp Salow. "Wir ermitteln weiter."
François' Augenverletzung ist geheilt, seine seelischen Verletzungen sind es nicht. Ständig fürchtet er, seinen Peinigern wieder zu begegnen. "Sie kennen mich, sie wissen, wie ich aussehe", erzählt der schmächtige junge Mann in gebrochenem Deutsch. Deshalb will er weg aus Burg, wo er ein Zimmer im Asylbewerberheim hat. Aber er darf nicht. Als geduldeter Flüchtling muss der 24-Jährige an dem Ort bleiben, den die Behörden ihm zugewiesen haben. "Präsenzpflicht" heißt das im Amtsdeutsch.
Schon im Herbst vorigen Jahres hat er den Antrag gestellt, nach Magdeburg "umverteilt" zu werden. Doch die Ausländerbehörde des Kreises Jerichower Land hat abgelehnt. "Ohne Angabe von Gründen", sagt Hanne Schirrmacher von der Mobilen Opferberatung verärgert. François' Anwältin hat Widerspruch eingelegt und Akteneinsicht gefordert. Das Verfahren läuft. Er wartet.
Jetzt will sich das Innenministerium einschalten. "Wir werden uns vom Landkreis berichten lassen und prüfen, ob wir tätig werden", kündigt ein Sprecher an. Aus Ministeriumskreisen ist zu hören, der Kreis verschließe sich einer unbürokratischen Lösung. Die Ausländerbehörde selbst verweigert unter Hinweis auf das laufende Verfahren eine Stellungnahme.
Erlass abgelehnt
So wie François geht es nach Angaben der Mobilen Opferberatung vielen Migranten in Sachsen-Anhalt, die von rechten Schlägern angegriffen worden sind. Der Verein fordert deshalb die freie Wohnortwahl für die Betroffenen. Doch das Innenministerium lehnt es ab, einen entsprechenden Erlass an die Ausländerbehörden herauszugeben. Es handele sich, so ein Sprecher, um "Einzelfälle", bei denen "einvernehmliche Lösungen" angestrebt würden (die MZ berichtete). Das Ministerium zählt weniger als zehn so genannte Umverteilungsanträge pro Jahr - und die meisten davon nicht wegen Überfällen, sondern aus Gründen der Familienzusammenführung.
Doch aus Sicht der Opferberatung fängt das Problem nicht erst bei abgelehnten Anträgen an. Viele Angriffe würden gar nicht erst angezeigt, erklärt Hanne Schirrmacher. "Und nicht alles ist dem Innenministerium bekannt." In jedem Fall aber müssten sich Überfall-Opfer am Ort der Tat immer wieder neu mit ihren traumatischen Erlebnissen auseinandersetzen. Und liefen Gefahr, erneut angegriffen zu werden.
So wie François. "Seit dem Überfall schlafe ich schlecht", sagt er. Ein Gutachter hat ihm zu einer Therapie geraten. In Magdeburg wäre sie möglich. In Burg nicht. Hanne Schirrmacher von der Opferberatung sieht noch weitere Vorteile in einem Umzug in die Großstadt. "Das Risiko überfallen zu werden, ist in einer größeren Stadt nicht unbedingt kleiner", räumt sie ein. Doch der "alltägliche Rassismus", so ihre Erfahrung, sei weniger ausgeprägt als in kleineren Orten. "In Burg werden wir ständig angestarrt, wenn wir zusammen in der Stadt unterwegs sind." Ist François allein, erzählt er, wird er regelmäßig beleidigt. "Sie sagen ,Scheißneger', sie haben auch schon deutsche Freunde von mir angepöbelt."
Nur noch selten draußen
Seit dem Überfall im Mai vorigen Jahres verlässt der 24-Jährige seine triste Unterkunft am Stadtrand noch seltener als vorher. Das sei belastend, sagt er, "ich kann es nicht 24 Stunden in einem Zimmer aushalten". Doch draußen ist die Angst einfach zu groß. "In Magdeburg würde ich mich sicherer fühlen."













































