Thüringen
NPD kandidiert statt der DVU bei Landtagswahlen
Politikwissenschaftler rechnen Rechtsextremen Chancen aus
VON Silke Katenkamp, 12.01.09, 13:49h, aktualisiert 12.01.09, 17:42h
Erfurt/dpa. Die Gerüchteküche brodelte schon lange, nun ist
es offiziell: Bei der Thüringer Landtagswahl im August wird anstelle
der rechtsextremen DVU die NPD antreten. Die DVU hat am Wochenende
auf ihrem Bundesparteitag in Calbe (Sachsen-Anhalt) beschlossen, den
seit fünf Jahren mit der NPD geltenden Pakt zum Verhalten bei Wahlen
im Freistaat zu lockern. Der Pakt sah vor, dass bis Ende 2009 nur
eine der beiden Parteien bei Europa-, Bundes- oder Landtagswahlen
antreten darf, um ihre Chancen zu verbessern. Thüringen galt demnach
als DVU-Land.
Indem die Partei der NPD nun den Vortritt lässt, tritt ein, was
seit Monaten von NPD-Funktionären gefordert wird. «Die Vereinbarung
zwischen den Parteien hat im Laufe der vergangenen zwei Jahre
deutliche Risse bekommen», sagt der Chemnitzer Extremismusforscher
Eckhard Jesse. Grund seien unter anderem mehrere Wahlschlappen der
DVU wie etwa bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2006.
In Thüringen existiert die DVU nach Meinung von Experten zudem nur
auf dem Papier, zählt lediglich 50 Mitglieder. Nach dem Parteitag am
Wochenende hatte der bisherige Landeschef Wolfgang Beck sogar das
voraussichtliche Aus für die Partei angekündigt. Die rechtsextreme
NPD sieht sich dagegen im Aufwind. «Seit der vergangenen Landtagswahl
hat die Mitgliedsstärke der NPD deutlich zugenommen», sagt Roger
Derichs vom Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz. Während sie
2004 nur 180 Mitstreiter im Freistaat hatte, sind es jetzt knapp 500.
Zurückzuführen ist dies auf die Öffnung der Partei gegenüber
parteiunabhängigen, militanten Neonazis der «Freien Kameradschaften».
Nach Angaben des Thüringer Innenministeriums ist es der NPD seitdem
gelungen, einen Teil der Kameradschaften zu integrieren. Der
Landesverband zählt mittlerweile im Vergleich zur Einwohnerzahl zu
den stärksten in Deutschland.
Bisher ist das Thüringer Parlament das einzige in den fünf neuen
Bundesländern, in das seit 1990 noch keine rechtsextreme Partei
eingezogen ist. Nach eigenen Angaben verspricht sich die NPD jedoch
in diesem Jahr, die Fünf- Prozent-Hürde zu knacken. Uwe Schubert vom
Team «Mobile Beratung in Thüringen. Für Demokratie - gegen
Rechtsextremismus» (Mobit) hält diese Ansage als durchaus
realistisch.
Bei der Bundestagswahl 2005 hat die NPD in Thüringen mit 3,7
Prozent ihr deutschlandweit zweitbestes Ergebnis erzielt. «Das waren
etwa 53 000 Wählerstimmen, die an die NPD gingen, obwohl kaum
Wahlkampf stattgefunden hat», weiß Schubert. Für die Landtagswahl
bedeutet das seiner Ansicht nach im Umkehrschluss: «Um die Fünf-
Prozent-Hürde zu überspringen, muss die Partei es nur schaffen, die
alten Wähler zur Wahlurne zu bewegen.»
Dies könnte ihr tatsächlich gelingen. Zwar kämpft die Bundespartei
seit Monaten mit erheblichen internen Problemen. So macht ihr der
Skandal um Ex-Schatzmeister Erwin Kemna zu schaffen, der
Hunderttausende Euro aus der Parteikasse veruntreut hat und deswegen
im Gefängnis sitzt. Auch gegen NPD-Chef Udo Voigt wird wegen dubioser
Finanzvorgänge ermittelt. Hinzu kommen Spannungen zwischen dem
bürgerlichen Lager der NPD und dem radikalen neonazistischen Flügel.
Trotzdem verfügt die Thüringer NPD, von deren Landesvorstands-
Mitgliedern nach Angaben von Schubert ein Großteil wegen Propaganda-
Delikten oder gewalttätigen Übergriffen vorbestraft ist, über eine
sehr aktive junge Basis. «Wenn es der NPD gelingt, diese für den
Wahlkampf zu mobilisieren, haben sie genug Leute für Kundgebungen,
zum Plakatekleben und Spendensammeln.» Ein zusätzlicher
Motivierungsschub wäre der Einzug von NPDlern in mehrere Ortsbeiräte
bei den Kommunalwahlen im Juni. Innenminister Manfred Scherer (CDU)
schließt das nach Abschaffung der Fünf-Prozent-Hürde nicht aus.
Auch der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke rechnet den
Rechtsextremen Chancen aus. «Die jetzige CDU-Regierung gilt in vielen
Bereichen als relativ schwach. Allen Voraussagen nach verliert sie
ihre absolute Mehrheit. Das öffnet Spielraum für andere Parteien.»
Nach einer Umfrage des Forschungsinstitutes Forsa vom September 2008
liegt die NPD in Thüringen bei 4 Prozent.
Fremdenfeindliche und rassistische Einstellungen reichen im
Freistaat zudem bis weit in die Mitte der Gesellschaft. So kommt der
jährlich im Auftrag der Thüringer Staatskanzlei erstellte Thüringen-
Monitor für 2007 zu dem Ergebnis, dass 54 Prozent der Befragten der
These eher oder völlig zustimmen, «dass die Bundesrepublik durch die
vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet» sei.
Wie erfolgreich die NPD bei den Landtagswahlen abschneidet, hängt
nach Angaben von Schubert letztlich von der öffentlichen Darstellung
der Partei ab. Er hofft auf ein starkes bürgerliches Engagement gegen
rechts. «In den vergangenen Jahren hat es immer mal wieder die
Haltung gegeben: Wenn wir nicht drüber reden, wird es schon gut
gehen. Das darf jetzt nicht passieren.»




































