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Sprechchöre und Gesang gegen braunen Ungeist

Nehrere hundert Dessau-Roßlauer demonstrieren gegen Rechtsextreme

VON CARLA HANUS, 08.03.09, 21:26h, aktualisiert 08.03.09, 21:48h
Protest
Rund 400 Dessau-Roßlauer protestierten am Sonnabend an der Friedensglocke gegen rechten Aufmarsch. (FOTO: SEBASTIAN)
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DESSAU-ROSSLAU/MZ. Schrille Pfiffe, kluge Sprechchöre, lebensfrohe Gesänge. Der Protest auf dem Schlossplatz war laut und intelligent. Durch die Lautsprecheraktion von der Marienkirche, die zwar nicht angemeldet und deshalb dann auch untersagt wurde, war er sogar überaus wirksam. Denn die Neonazis, die dort eine Kundgebung abhielten, dürften zunächst kein Wort und später nur wenig verstanden haben. Immer wieder riefen ihnen die Gegendemonstranten klar und unmissverständlich zu: "Nazis raus".

Dass Rechtsextreme in Dessau nicht erwünscht sind, das zeigten indessen mehrere hundert Dessau-Roßlauer nur wenige Meter weiter an der Friedensglocke. Bunte Vielfalt wurde von Bürgerinnen und Bürgern gegen den braunen Ungeist gesetzt, der sich in einer Demonstration durch die Innenstadt zeigte. Bunte Vielfalt. Mit afrikanischen Klängen. Mit russischen Gesängen. Mit jüdischen Tänzen. Mit einem quicklebendigen Kobold-Auftritt.

Und mit mahnenden Worten zur Erinnerung. Regula Steiner-Tomic las aus einem Zeitzeugenbericht von Anni Druschke. Die damals 33-Jährige beschrieb den 7. März 1945 als einen strahlend schönen Frühlingstag. Für sie sei es ein freudiger Tag gewesen, denn der Tischler hatte die im Januar bei einem Luftangriff auf die Wohnung zerstörten Betten zurückgebracht. Doch dann wurde Dessau in sieben Wellen angegriffen. Sprengbomben, Stabbrandbomben, Luftminen und wieder Sprengbomben fielen. Über 40 Minuten dauerte der Angriff. "Man kann es nicht nachempfinden", meinte Anni Druschke und Tomic beendete deren Erinnerungen mit dem Satz: "Ganz Dessau war ein einziges Flammenmeer."

"Die Opfer dürfen nicht umsonst gewesen sein. Die Toten mahnen uns", betonte Oberbürgermeister Klemens Koschig. Da werde die Geschichte verniedlicht, geleugnet, verfälscht sagte Koschig und nannte das aktuelle Beispiel des Bischofs, der sich in die unheilvolle Phalanx der Holocaust-Gegner einreiht. Und da wirke allenthalben das Gift der kleinen Dosis, dass ja nicht alles so schlecht gewesen sei. "Am Morgen des 8. März 1945 gab es keinen Dessauer, der zu dem Urteil gekommen wäre, aber es war ja nicht alles schlecht", meinte Koschig. "Die Stadt war zerstört, ihrer Mitte beraubt."

Doch der 7. März 1945 sei untrennbar mit dem Novemberpogrom und dem Überfall auf Polen und damit mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verbunden, auch sei Dessau die erste Landeshauptstadt Deutschlands gewesen, in der die Bevölkerung mehrheitlich eine nationalsozialistische Landesregierung gewählt hatte, machte er Zusammenhänge deutlich. "Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen", zitierte der Oberbürgermeister den Philosophen und Schriftsteller Georg Santayna. Um ein Wiederholen zu verhindern, um gegen das Bild einer nationalistischen, chauvinistischen, rassistischen und insgesamt menschenverachtenden Diktatur anzutreten, um gegen Geschichtsverfälschung gewappnet zu sein, bat Koschig alle noch lebenden Zeitzeugen, ihre Erfahrungen und Erinnerungen sowie die daraus gewonnene Lebensweisheit unbedingt weiterzugeben. An die Kinder und Enkel, an die Nachbarn, an die Nachkriegsgeborenen. Dieser Appell fand die große Zustimmung der Zuhörer.

Koschig, der allen dankte, die mit ihrer Teilnahme ein bewusstes Zeichen gegen die Demonstration von Neonazis am Tag der Zerstörung Dessaus vor 64 Jahren setzten, wollte diesen Protest gegen Rechts gern weiter getragen wissen. "Tun wir also in den nächsten zwölf Monaten alles dafür, dass wir dann noch mehr sind", rief er den Veranstaltungsteilnehmern mit Blick auf den 7. März 2010 zu. Die Arbeit in dem Bündnis, das diese Veranstaltung vorbereitet hatte, sei nie langweilig, sondern vielfältig bunt und ideenreich gewesen.

Was sich auf der Bühne unter der Friedensglocke mit dem multikulturellen Programm zeigte. Aber auch auf dem Schlossplatz, wo nach dem Abmarsch der Rechten eine Kehrmaschine der Stadt und Bürgerinnen und Bürger mit Besen zeigten, dass in Dessau-Roßlau der braune Unrat weggefegt wird.


    
    
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