Nüchterne Antworten auf einfache und gute Fragen
Thomas Geve, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, spricht über die NS-Zeit
VON THOMAS STEINBERG, 17.02.09, 19:56h, aktualisiert 17.02.09, 20:28h
DESSAU/MZ. Nie würde es Thomas Geve einfallen, sich vereinnahmen zu lassen. "Nein", bescheidet er dem Frager knapp, ob er sich mit Schicksalsgenossen treffe, weil es doch gewiss wichtig sei, sich über das Erlebte austauschen? Nein, das sei ihm nie in den Sinn gekommen, sagt Geve, ein solches Bedürfnis habe er nie verspürt.
Geve, heute knapp 80, hat drei Konzentrationslager überlebt. Ein Kind noch, wurde Geve als einer der letzten Juden aus Berlin nach Auschwitz deportiert; im April 1945 erlebte er 15-jährig die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald.
Unterwegs in Europa
Seit mehreren Jahren macht sich Geve immer wieder von Israel auf, reist nach Europa und besonders oft nach Deutschland, um seine Erfahrungen während der NS-Zeit zu schildern; am Montag kam er auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung ins Dessauer NH-Hotel.
Geve verfügt über einen nüchternen, scharfen Verstand, den Verstand eines Ingenieurs. Als er mit seiner Mutter für einige Jahre in Berlin untertauchen kann, ist der Fünfjährige fasziniert von der Technik, die ihm, geboren unweit von Stettin, völlig neu war: die U- und S-Bahn, Rolltreppen. "Goethe und Schiller, das war nur heiße Luft für mich." Und Religion? Die bleibt ihm zeitlebens fremd - im Hause der Berliner Großeltern wurden Kartoffeln schon mal in Schweineschmalz geschwenkt.
Bei seinen Berichten über die KZ-Zeit ist Geve nicht allein auf Erinnerungen angewiesen, sondern kann auf rund 80 Zeichnungen im Postkartenformat zurückgreifen, die er unmittelbar nach der Befreiung Buchenwalds anfertigte. Schlicht sind sie, eine eigenwillige Mischung aus technischer Zeichnung und Comic. Diese Bilder, sie wirken weniger als ein Therapieversuch, sondern scheinen ihre Entstehung vor allem dem Bedürfnis nach einer möglichst präzisen Schilderung des Alltags in den Mordlagern entsprungen.
Um Präzision geht es Geve auch heute noch. Er weiß, auch von Wohlmeinenden wird die Geschichte des Holocaust je nach politischer Positionierung geschrieben. Man fragt ihn nach Elie Wiesel, und er sagt, nun ja, er habe eben Romane geschrieben.
"Nichts als das Leben"
Am Montag wurde in Dessau auch der im Jahr 1997 gedreht Dokumentar-Film "Nichts als das Leben" gezeigt, in dem der 14-jährige Sohn des Regisseurs Wilhelm Rösing Geve interviewt. Es sind einfache Fragen, die Josua stellt, solche Fragen, über die Geve immer wieder sagt, es seien gute Fragen.
Solche guten Fragen sammelt Geve auch bei Besuchen in Schulen. Über dreihundert sind inzwischen zusammengekommen. Sie und seine Antworten darauf, sollen demnächst veröffentlicht werden. Es sind die Antworten eines nüchternen, unabhängigen Verstandes.


























