Wittenberg
Zarter Bittgesang entfaltet starke Wirkung
Mit gebetsmühlenartiger Ausdauer und Sanftmut, mit schier endloser Ruhe und Konzentration trug das Quintett Psalm-Antiphonen und Hymnen aus Eisenacher, Pirnaer, Annaberger und Wittenberger Sammlungen vor: ein unablässiger Bittgesang, zart im Ton, edel im Klang und stark in der Wirkung, der die kriechende Kälte des Novembertags vergessen ließ.
Die ideale Verbindung von Ort und Konzept lässt die Festivalveranstalter von der Wittenberger Hofkapelle positiv bilanzieren: eklatant gestiegene Besucherzahlen. Doppelt so viele Instrumentenbauer, fünfmal so viele Workshopteilnehmer wie im Vorjahr. Hochkarätige Gastspiele wie das der "Schola stralsundensis". Kapellenchef Thomas Höhne wünscht sich jedoch vor allem, "dass den Wittenbergern bewusst wird, was sie hier haben": Am Geburtsort der evangelischen Kirchenmusik etabliert sich das einzige Festival für Renaissance-Musik weit und breit.
Noch viel Anstrengung ist nötig, damit der Traum vom Wittenberg als Mekka für Alte-Musik-Liebhaber und -Experten wahr wird. Festivalatmosphäre schaffen erstklassige Ensembles nicht allein. Anziehende Örtlichkeiten wie die von Kerzenschein erhellte Katholische Kirche und das Bugenhagenhaus machen das Angebot attraktiver, von der Einbindung ins Gesamtprogramm der Reformationsfeierlichkeiten profitieren alle Seiten. Einzigartigkeit und Qualität, das zeigen Erfahrungen anderenorts, spiegeln sich nicht sofort und nicht nach der dritten Auflage in schwarzen Zahlen wider.
Bis es soweit ist, wird die öffentliche Hand, besonders die Stadt Wittenberg, finanziell für Sicherheit sorgen müssen - vorausgesetzt, sie will das Festival als freundliche Einladung nicht nur für Renaissance-Fans auch 2017 noch haben.



















