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Stadt erinnert an die Opfer von Pogrom und Holocaust

Veranstaltungen an der Stele und in der Marienkirche - Schauspieler verlesen rund 200 Namen von jüdischen Mitbürgern

VON ANNETTE GENS, 09.11.08, 20:22h, aktualisiert 09.11.08, 21:18h
Kerzen werden in der Marienkirche angezündet
Kerzen werden in der Dessauer Marienkirche angezündet im Gedenken an die Opfer der Pogromnacht. (FOTO: SEBASTIAN)
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DESSAU-ROSSLAU/MZ. Die Stimmen von Franziska Krol, Karl Thiele und Rainer Böhm, Schauspieler des Anhaltischen Theaters, klingen in der Dessauer Marienkirche klar und sachlich. Doch die Namen, die sie aufrufen, lassen manchen Gast der Gedenkveranstaltung erschaudern. Es sind alles deutsche Namen von Frauen, Männern, Kindern, deren Leben zwischen 1938 und 1945 entweder in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald, Auschwitz, Theresienstadt oder im Warschauer Ghetto endete oder deren Schicksal bis heute nicht bekannt ist. Die wenigsten jüdischen Mitbürger dieser Stadt schafften nach dem 9. November vor 70 Jahren - nach ihrer brutalen Vertreibung aus der Heimat - die Flucht in die USA, nach Südafrika oder Paraguay.

Dessau-Roßlau hat am Sonntagnachmittag auf öffentlichen Veranstaltungen am einstigen Standort der Synagoge und in der Marienkirche der Opfer der Verbrechen der Nationalsozialisten gedacht.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Nazis deutschlandweit Geschäfte und jüdische Gotteshäuser in Brand gesetzt, Wohnungen demoliert und Bewohner misshandelt. In der offiziellen Bilanz des Terrors waren 91 Tote (darunter ein 16-jähriger Dessauer), 267 zerstörte Gottes- und Gemeindehäuser (darunter die Synagoge in Dessau) sowie 7 500 verwüstete Geschäfte (29 in unserer Stadt) verzeichnet. Nach anderen Zählungen starben in Folge der Ausschreitungen weit mehr als 1 300 Menschen.

In jener Nacht vor 70 Jahren wurden auch in Dessau jüdische Mitbürger entwürdigt und ihrer Menschenrechte beraubt. Die jüdische Synagoge, ein imposanter Bau in der Steinstraße, wurde angezündet und brannte ab. Just an der Stele in der Askanischen Straße zur Erinnerung an Pogrom und Holocaust haben am Sonntag rund 200 Menschen inne gehalten, Kerzen angezündet, Kränze niedergelegt, Fürbitten gesprochen und sich die Geschichte in Erinnerung gerufen.

"Es ist ein Tag voller Emotionen, nicht nur für Freunde und Angehörige der Opfer, die sich hier versammelt haben", sagte Oberbürgermeister Klemens Koschig und führte die Zuhörer - unter ihnen Stadträte, Politiker aller Parteien, Gewerkschafter, Christen und Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Dessau - zu den dunkelsten Abschnitten sowohl der deutschen Vergangenheit als auch der Dessau-Roßlauer Geschichte: Am Morgen des 9. November 1938 veröffentlichte die Tageszeitung "Der Mitteldeutsche" eine Liste der damals in Dessau noch wohnenden jüdischen Bürger. Über 200 Namen und Adressen waren zu lesen. Noch am gleichen Tag begann in Dessau wie in vielen anderen Städten auch, ein an finsteres Mittelalter erinnernder Pogrom.

Inzwischen wurden die nationalsozialistischen Verbrechen bis ins Detail erforscht. Die Bücher füllen ganze Bibliotheken. "Aber bis heute fehlt uns die letzte Erklärung - wir können es nicht verstehen", wertete Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister die Ereignisse vor 70 Jahren "als brutalen Auftakt für weitere, noch viel brutalere und in der Summe unvorstellbare Verfolgung jüdischer Mitbürger" und mahnte: Auch heute kommt es noch zu Übergriffen auf jüdisches Eigentum und Kultur, wenn Gräber geschändet oder Gemeindehäuser mit rechtsradikalen Parolen beschmiert werden.

Dass man unter diese Geschichte keinen großen Schlussstrich ziehen könne, "weil keine kollektive Bewältigung" dieser Ereignisse möglich sei, sagte Landesrabbiner Moshe Flomenmann und mahnte bis ins Heute. Auch 1932 habe sich niemand vorstellen können, dass es sechs Jahre später ein organisiertes Pogrom geben wird...

Der Gedenkveranstaltung an der Stele folgte eine Einladung in die Marienkirche. Hier wurden die Namen jener verlesen, die zwischen 1938 und 1945 vertrieben, gequält und ermordet worden sind. Im Gedenken an die Opfer wurden Kerzen angezündet. Mitglieder des Friedrich-Schneider Chores, der Kindertanzgruppe der Jüdischen Gemeinde, Schauspieler des Anhaltischen Theaters und Jüdische Künstler gestalteten diese emotionale Stunde des Gedenkens.


    
    
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