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«Was hat Nachbarn dazu gebracht?»

Zahlreiche Köthener nahmen an einer bewegenden Mahn- und Gedenkveranstaltung teil

VON LOTHAR GENS, 09.11.08, 19:48h, aktualisiert 09.11.08, 20:15h
Gedenkveranstaltung
Zur Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht von 1938 waren viele Köthener in die St. Jakobs Kirche gekommen. (FOTO: MZ)
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KÖTHEN/MZ. Scheiben splittern am frühen Morgen am Köthener Buttermarkt 15, die Auslagen werden zerstört, ballenweise Stoff geplündert. Die jüdische Inhaberfamilie eines dortigen Geschäfts findet Unterschlupf bei einer beherzten Nachbarin, gibt später ihr Geschäft auf. Was sich 1938 zutrug an dieser und an anderen Stellen in Köthen, das erläuterte am Sonntagabend Stadtarchivarin Monika Knof anhand von Recherchen den vielen, die sich nach der Mahn- und Gedenkveranstaltung in der Sankt-Jakobs-Kirche auf die Spuren von Nazi-Verbrechen in der Pogromnacht von 1938 in Köthen begaben.

Eingeladen zu dieser Veranstaltung hatten die evangelische Kirchengemeinde Sankt Jakob, die katholische Kirchengemeinde Sankt Maria, das Museum Synagoge Gröbzig, das Netzwerk für Toleranz und gegen Gewalt sowie die Stadt Köthen. Gefolgt waren dieser Einladung in die Stadt- und Kathedralkirche viele Köthener. Zu ihnen sprach als erster Oberbürgermeister Kurt-Jürgen Zander. Er erinnerte an die Nacht, in der in Deutschland vor genau 70 Jahren "ein gesteuerter, politisch gewollter, von Staatsorganen organisierter und gedeckter Feuersturm gegen jüdische Geschäfte und Gotteshäuser" wütete. An diesem und den folgenden Tagen wurden in Deutschland 400 Synagogen und 7 000 Geschäfte geplündert und zerstört, rief Zander ins Gedächtnis und stellte die Frage: "Was hat Nachbarn, Mitbürger dazu gebracht, ihren Nachbarn und Mitbürgern, die man zum Teil schon seit Jahrzehnten kannte, mit denen man zusammengelebt und zum Teil sogar zusammen gefeiert hatte, dieses anzutun?"

Er antwortete: Die menschenverachtende Rassenideologie des Nationalsozialismus hatte es in nur wenige Jahren geschafft, den Nachbarn, den Mitbürger jüdischen Glaubens nicht mehr als Menschen wahrzunehmen. "Die Pogromnacht des 9. November 1938 war die Zwischenstufe der Barbarei, die in den grauenvollen Schlächtereien von Auschwitz, Majdanek, Dachau, Sachsenhausen und all den anderen Orten des Grauens endete." Das habe nicht irgendwo angefangen, sondern das habe überall angefangen - auch in Köthen.

Doch auch heute gebe es in unserem Land wieder Menschen, die mit ähnlich perfiden Methoden versuchen, politische Macht zu erlangen. "Der Jude von heute kann jeder von uns sein", machte Zander deutlich. Der Ausländer, jemand der andersfarbig ist, der anders denkt - es sei immer jemand, der für alles herhalten muss, was uns an Schlechtem widerfährt oder widerfahren sei. Der Köthener OB appellierte daher: "Wir müssen diesen geistigen Brandstiftern von Anfang an als Demokraten gemeinsam entschieden entgegentreten."

In diesem Sinne wandten sich an die in der Kirche Anwesenden u. a. Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter, die Pfarrer Armin Kensbock und Horst Leischner sowie die Leiterin des Museums Synagoge Gröbzig, Dr. Marion Mendez.

Gegen Ende der Veranstaltung vereinte die Anwesenden ein Friedensgebet aus dem Material der gerade beginnenden Ökumenischen Friedensdekade 2008, die unter dem Motto "Frieden riskieren" steht.


    
    
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