Hintergrund
Unpassende Parallelen sind in der Politik keine Seltenheit
erstellt 27.10.08, 16:11h, aktualisiert 27.10.08, 20:18h
Berlin/ddp. Mit einem umstrittenen Juden-Vergleich hat der Chef
des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, für Empörung gesorgt.
Der Ökonom hatte in Bezug auf die aktuelle Bankenkrise eine Parallele
zwischen Juden und Managern gezogen. In einem Interview mit dem
«Tagesspiegel» sagte Sinn, in jeder Krise werde nach Schuldigen und
nach Sündenböcken gesucht. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 habe
es in Deutschland die Juden getroffen, «heute sind es die Manager».
Nach heftiger Kritik und ersten Rücktrittsforderungen entschuldigte
sich Sinn inzwischen öffentlich und zog den Vergleich zurück. Derart
unpassende Vergleiche, vor allem mit dem Dritten Reich, sind aber
längst keine Seltenheit. Auch deutsche Politiker greifen immer wieder
zu einschlägigen Parallelen.
Erst vor wenigen Wochen stellte Alt-Kanzler Helmut Schmidt (SPD)
den Chef der Linkspartei, Oskar Lafontaine, in eine Reihe mit Adolf
Hitler. Schmidt sagte in einem Zeitungsinterview, Charisma für sich
genommen mache noch keinen guten Politiker aus. Auch Adolf Hitler sei
ein charismatischer Redner gewesen. «Oskar Lafontaine ist es auch»,
fügte Schmidt hinzu. Der SPD-Politiker handelte sich mit seinen
Äußerungen heftige Kritik ein, rückte aber nicht von der Aussage ab.
Wenig einsichtig war auch SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler nach
einer viel kritisierten Äußerung. Stiegler griff im Sommer 2005 das
Wahlprogramm der Union an und sagte, bei dem Slogan «Sozial ist, was
Arbeit schafft» falle ihm der Satz «Arbeit macht frei» ein. Die
berüchtigte Devise prangte in der NS-Zeit an den Toren fast aller
Konzentrationslager. Stiegler verteidigte seine Äußerung anschließend
und argumentierte, er habe keinen Vergleich gezogen, sondern
lediglich eine Assoziation geäußert.
Besonders viele Fehltritte leisteten sich Politiker im Wahljahr
2002. Mit einem vermeintlichen Hitler-Vergleich handelte sich etwa
die damalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) Ärger
ein. Einem Zeitungsbericht zufolge soll sie die Angriffspläne des
US-Präsidenten George W. Bush auf den Irak kritisiert und ein solches
Verfahren als «beliebte Methode seit Adolf Hitler» bezeichnet haben.
Däubler-Gmelin weist die Vorwürfe bis heute als «albern» zurück. Nach
der Wahl schied sie trotzdem aus der Bundesregierung aus.
Der damalige CSU-Landesgruppenchef Michael Glos diktierte
Journalisten im gleichen Jahr in den Block, die «Hartz»-Vorschläge
für den Arbeitsmarkt würden vor der Wahl als Wunderwaffe verkauft wie
schon die V2-Rakete der Nazis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs.
Lafontaine verglich den damaligen Kanzler und ehemaligen
Mitstreiter Gerhard Schröder (SPD) wegen seiner Sparpolitik mit
Reichskanzler Heinrich Brüning. Auch der heutige Bundesinnenminister
Wolfgang Schäuble (CDU) attackierte die SPD damals auf zweifelhafte
Weise. Schäuble war erzürnt, dass die Sozialdemokraten den damaligen
Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU) vor den
Untersuchungsausschuss zur Parteispendenaffäre vorluden. Wörtlich
sagte er: «Ich kenne das noch von Goebbels. Der sagte: Wenn man
genügend Dreck wirft, bleibt immer etwas hängen.»
Schließlich warf der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU)
zum Jahresende den Gewerkschaften vor, sie stigmatisierten Reiche wie
die Nazis seinerzeit die Juden und sprach gar von einer «neuen Form
von Stern an der Brust».
Auch Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU) geriet im gleichen Jahr in die
Schlagzeilen. Zwei Redakteure des Nachrichtenmagazins «Spiegel»
wollten im Bundestags-Restaurant gehört haben, dass Kohl im kleinen
Kreis seinem Ärger über die angebliche Parteilichkeit von
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) Luft machte. «Das ist der
schlimmste Präsident seit Hermann Göring», soll Kohl gesagt haben.
Die Nebeneinanderstellung von Thierse und Hitlers Stellvertreter
stieß auf wenig Begeisterung.
Schon 1986 hatte Kohl den sowjetischen Staats- und Parteichef
Michail Gorbatschow mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels
verglichen. Kohl sagte damals: «Er ist ein moderner kommunistischer
Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von
jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren,
war auch ein Experte für Public Relations.»
Mit einem Goebbels-Vergleich vergriff sich auch der Ex-Kanzler
Willy Brandt (SPD) im Ton. 1985 attackierte der damalige SPD-Chef
Brandt den CDU-Generalsekretär Heiner Geißler mit den Worten: «Ein
Hetzer ist er. Seit Goebbels der schlimmste Hetzer in unserem Land.»












































