Berlin
Der Potsdamer Platz ist eine Insel geblieben
Für viele Hauptstädter bis heute eine künstliche Welt - Daimler und Sony verkauften Immobilien
Ulrike von Leszczynski, 01.10.08, 08:59h, aktualisiert 01.10.08, 11:39h

Von der Terasse 103 Meter hohen «Kollhoff-Towers» (l.) am Postdamer Platz Blick hat man einen Rundblick über das Stadtzentrum Berlins (Foto: dpa)
Berlin/dpa. Wenn es dunkel wird in Berlin, suchen Schüler aus der deutschen Provinz am Potsdamer Platz nach dem Großstadt-Kick. Junge Berliner können darüber nur müde lächeln. Die angesagten Ausgeh-Adressen der Hauptstadt liegen ganz woanders. 10 Jahre nach der Eröffnung am 2. Oktober 1998 ist der neu gebaute Potsdamer Platz an der Nahtstelle zwischen Ost und West eine Insel geblieben. Erst als größte Baustelle Europas bestaunt und als
Prototyp des «Neuen Berlin» gefeiert, bleibt er für viele
Hauptstädter bis heute eine künstliche Welt. Doch für den Geschmack der Touristen scheint die Hochhaus-Kulisse gut zu funktionieren.
«Stadtsimulation», nennt der Berliner Stadtsoziologe Hartmut
Häußermann heute den Potsdamer Platz. Für den Professor an der
Humboldt-Universität ist mit noblen Hotels, Kinopalästen,
Musicaltheater, Einkaufszentrum oder Spielbank ein Stück Großstadt entstanden, das vor allem kommerziell geprägt und inszeniert ist. «Der Potsdamer Platz könnte auch anderswo liegen», ergänzt er. «Er lebt nicht aus seinen Bewohnern.»
Was nicht heißt, dass der Platz unbeliebt ist. «Viele mögen so
etwas ja, siehe Las Vegas», sagt Häußermann. Das neue Berlin
aber, das entstehe aus seiner Sicht in Mitte, Friedrichshain oder in Prenzlauer Berg. Dort, wo die Hauptstadt sich locker und weltoffen gibt - und sich Ost und West in Altbau-Kiezen neu gemischt haben.
Selbst die Berlinale mit ihrem Winterhauch von Internationalität
hat bisher nicht dazu geführt, dass der Potsdamer Platz mehr nach Berlin hineingewachsen ist. Das Filmegucken findet auf einer Festivalinsel statt, auf die Stars in Limousinen kutschiert werden. Auf dem roten Teppich vor dem gläsernen Berlinale-Palast wirken sie ein wenig wie Figuren aus der Truman-Show, um nach dem Auftritt schnell in die Clubs anderer Stadtteile zu entschwinden - ins reale Berliner Nachtleben.
Der Potsdamer Platz, der jahrzehntelang nur eine trostlose
Mauerbrache war und von seinem Mythos in den 20er Jahren zehrte, hat heute trotzdem viele Funktionen. Zum Wohnen gibt es teure Apartments, zur Fußball-WM versammeln sich Hunderte Fans vor großen Leinwänden. Gemütlichkeit aber ist schwer zu finden zwischen in den zugigen Straßen und Gassen. Viele Restaurants wirken so steif wie ihre gestärkten weißen Tischdecken. Die Architektur eines Renzo Piano, Helmut Jahn, Richard Rogers oder Hans Kollhoff allein reicht kaum, um dem Viertel ein Eigenleben zu schenken. Es wirkt als ob es nur Besuch bekommt.
Die Bauherrn Daimler und Sony, die Anfang der 90er Jahre
die größte private Baustelle Europas samt roter Info-Box aus dem
Boden stampfen ließen, haben ihr Herz auch nicht an ihre Immobilien gehängt. Sie stießen ihre Quartiere im Frühjahr wieder ab. Eigentümer sind nun die Immobilienfondstochter der schwedischen SEB-Bank oder die Bank Morgan Stanley, die dafür fast 2 Milliarden Euro bezahlten. SEB will den Ort nun zu einer Marke entwickeln, mit dem etwas seltsamen Slogan «The Platz to be». Mit dem Geschäft sind die
Schweden zufrieden. 95 Prozent der Flächen seien vermietet, sagt eine
Sprecherin. Das zählt.
Einige Schmuckstücke des Platzes bröckeln allerdings schon wieder.
Kollhoffs Hochhaus muss für rund 10 Millionen Euro von außen saniert
werden, weil die Fugen der markanten Backsteinfassade dem Wetter
nicht standhielten. Der Boden einer Tiefgarage hat Risse. Die Schäden
wurden beim Verkauf bereits berücksichtigt, Ärger machen sie den
neuen Herren des «Platz to be» also nicht. An diesem Samstag wollen
sie das 10-jährige Jubiläum feiern. Auf der Bühne am Marlene-
Dietrich-Platz spielt am Abend als Attraktion die Mädchenband
«Monrose» - vielleicht nicht zufällig eine Gruppe aus der Retorte.












































