Kriminalität
«Da wird Trauer instrumentalisiert»
Neonazis schlachten den Mord an Michelle propagandistisch aus - Experte: kein Einzelfall
VON Alexander Schierholz, 26.08.08, 15:02h, aktualisiert 26.08.08, 21:38h

Ein Schulkind der 25. Grundschule in Leipzig kniet vor den Kerzen, Blumen und Plüschtieren, die in Gedenken an die ermordete Michelle abgelegt wurden. (Foto: dpa)
Halle/Leipzig/MZ. Immer wieder versuchen
Neonazis, Fälle von Kindesmissbrauch oder
Kindstötung propagandistisch auszuschlachten.
Jüngstes Beispiel: der Mord an Michelle. Unter
den Demonstranten, die am Montagabend durch
Leipzig zogen, waren auch mehrere hundert
Angehörige der rechten Szene. Schon am Donnerstag
zuvor - dem Tag, an dem die Leiche der Achtjährigen
gefunden worden war - hatte die Szene eine
ähnliche Demonstration organisiert. Im Falle
des vor eineinhalb Jahren in Leipzig getöteten
neunjährigen Mitja hatten Rechtsextremisten
auf Flugblättern gegen Ausländer gehetzt.
Und nur zwei Tage nach einer Kinderporno-Razzia
gegen den damaligen Merseburger Oberbürgermeister
Reinhard Rumprecht im August 2007 demonstrierte
die NPD in der Stadt.
In allen diesen Fällen hieß die Parole
der Rechten: "Todesstrafe für Kinderschänder".
Aus Sicht von Everhard Holtmann, Politologe
an der Uni Halle, kein Wunder: "Diese Forderung
gehört zur feststehenden Propaganda der rechten
Szene", sagt der Wissenschaftler, "das ist
Teil des Repertoires." Neonazis wollten so
bei der Bevölkerung Punkte sammeln. Holtmann
verurteilt das als "geschmacklosen Versuch,
Trauer und Leid für politische Ziele zu instrumentalisieren".
Den Rechten gehe es darum, Ängste in der Bevölkerung
auszunutzen - im Fall Michelle die Angst vieler
Eltern vor einem Kindermörder, der frei herumläuft.
Dagegen wehren kann man sich laut Holtmann
nur, indem man sich klar von Rechtsextremisten
abgrenzt. Zwar schließe das Recht auf freie
Meinungsäußerung auch ein, die Todesstrafe
zu verlangen, sagt der Politikwissenschaftler.
"Man muss dann aber klar darauf hinweisen,
dass unser demokratischer Rechtsstaat aufgrund
seiner ethischen und sittlichen Fundamente
diese Strafe ausschließt." Und dass die Verantwortung
für Aufklärung und Ahndung von Verbrechen
bei Polizei und Justiz liegen.
Ob solche Distanz in Leipzig funktioniert,
bleibt fraglich. Auch aus den Reihen der Anwohner,
welche die Demo am Montag organisiert hatten,
waren Rufe nach der Todesstrafe laut geworden.
Künftig wollen die Veranstalter jede Woche
zu Montagsdemos aufrufen. Auch Neonazis dürften
sich dann wieder einreihen. Schon deswegen,
weil Michelle die Nichte von Istvan R. war
- der gilt als eine der Führungsfiguren der
rechten Kameradschaft "Freie Kräfte Leipzig".
"Die nutzen ein solches Thema immer wieder
für ihre Propaganda aus", sagt Alrik Bauer
vom sächsischen Verfassungsschutz, der seit
etwa einem Jahr wachsende Aktivitäten der
Kameradschaft feststellt. Im Internet brüsten
sich die Neonazis sogar damit, einen Tag nach
dem Verschwinden von Michelle eigenhändig
Fahndungsplakate aufgehängt zu haben.
































