Politik contra Justiz
Justizpolitiker kritisieren Justizschelte
Nach Urteilen gegen Vereins- und Berufsverbot: Abgeordnete auf Distanz zum Ministerium
VON Hendrik Kranert, 29.07.08, 21:24h

Ein Wahlplakat der NPD, davor die Springerstiefel von NPD-Anhängern. (Foto: dpa)
Magdeburg/MZ. Nach Gerichtsentscheidungen
gegen das Verbot eines Hooligan-Vereins und
das Berufsverbot gegen einen rechtsextremen
Schornsteinfeger haben Politiker vor einer
pauschalen Justizschelte gewarnt. Am Montag
war bekannt geworden, dass das Oberverwaltungsgericht
Magdeburg das vom Innenministerium verhängte
Verbot der gewaltbereiten und rechtsextremen
Fanvereinigung "Blue White Street Elite" zunächst
ausgesetzt hat. Das Verwaltungsgericht Halle
hatte den Entzug der Kehrerlaubnis für einen
Schornsteinfeger für nichtig erklärt. Innenstaatssekretär
Rüdiger Erben (SPD) hatte die Justiz-Entscheidungen
kritisiert. "Vielleicht haben Innenminister
Holger Hövelmann und ich das eine oder andere
Mal eine intensivere Sicht auf die Probleme
des Rechtsextremismus als die Justiz", sagte
Erben.
"Justizschelte hilft hier wenig", sagte der
Chef der FDP-Landtagsfraktion, Veit Wolpert.
"Wir leben in einer liberalen Gesellschaft,
da geht nicht alles so, wie es Sicherheitspolitiker
gerne hätten." Eine wehrhafte Demokratie müsse
die Meinung Andersdenkender aushalten. "In
einem verbotsstarrenden Staat funktioniert
Demokratie nicht", so Wolpert.
Er kritisierte den Versuch des Ministeriums,
den Hooligan-Verein zu verbieten. "Das Verfahren
ist oberflächlich und dilettantisch vorbereitet
worden", so Wolpert. Offenbar habe das Innenministerium
keine Lehren aus dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren
gezogen. Das Oberverwaltungsgericht hatte
das Verbot aufgehoben, weil es keine Gründe
dafür sah - wie im übrigen auch ein Referat
im Innenministerium im März dieses Jahres.
Erben hatte entgegnet, es seien anschließend
umfangreiche Beweise für die Gefährlichkeit
der Hooligan-Gruppe vorgelegt worden. "Offensichtlich
war das aber für das Gericht nicht relevant",
so Wolpert.
Ähnlich äußerte sich Eva von Angern, Justizexpertin
der Linken: "Das Ministerium hat seine Hausaufgaben
im Vorfeld des Verbotes nicht gemacht." Auch
sie warnte vor Justizschelte. "Damit sollte
man sich zurückhalten, schließlich ist die
Justiz unabhängig."
Aus der eigenen Partei bekam Erben nur wenig
Beistand. "Man kann politisch eine Meinung
haben, aber die Justiz ist nun einmal unabhängig",
so SPD-Rechtspolitiker Ronald Brachmann. "Ich
würde mich hüten, ein Urteil zu kommentieren."
Es sei richtig, dass das Innenministerium
gegen Rechtsextreme vorgehe, "doch die Frage
ist, ob das rechtlich wasserdicht ist - die
Gerichte sehen das offenbar anders". Justizministerin
Angela Kolb (SPD) wollte sich nicht äußern.
Unterdessen hat der Chef der halleschen Staatsanwaltschaft,
Jörg Wilkmann, Erbens Kritik an der Einstellung
einer Strafanzeige zurückgewiesen. Erben hatte
den NPD-Mann Andreas Karl wegen Störung des
öffentlichen Friedens und Aufruf zu einer
Straftat angezeigt. Karl hatte im Internet
das Vorgehen Erbens und von Wirtschaftsminister
Reiner Haseloff (CDU) gegen den rechtsextremen
Schornsteinfeger mit den Worten "Hanf zu Seilen
und Laternen zu Galgen" kommentiert. "Wir
haben lange geprüft, ob das eine Straftat
ist oder nicht, aber es gibt keinen hinreichenden
Verdacht", so Wilkmann.

































