Mit dem Schulzeugnis in der Tasche nach Auschwitz
Blanka Pudler aus Ungarn berichtete erstmals in Ostdeutschland
VON Irina Steinmann, 13.05.08, 20:17h, aktualisiert 13.05.08, 20:40h

Blanka Pudler bei ihrem Besuch in Wittenberg. Die Auschwitz-Überlebende lebt heute in Budapest. Ihre Eltern wurden im KZ ermordet. Seit mehr als 20 Jahren berichtet Blanka Pudler, Jahrgang 1929, in der Bundesrepublik über den Horror, jetzt erstmals auch in Ostdeutschland. (MZ-Foto: A. Kuhn)
Wittenberg/MZ. Viele Redner begrüßen ihr Publikum so. "Ich heiße Sie ganz, ganz herzlich willkommen", sagt auch die alte Dame an diesem Abend in der Evangelischen Akademie. Bei ihr aber fühlt es sich an wie eine ausgestreckte Hand. Es klingt nach Vergebung, nach einer Größe, von der man nicht glaubt, dass man selbst sie aufbringen könnte. Nach alldem.
Blanka Pudler ist eine Davongekommene. Sie hat als 15-Jährige Auschwitz überlebt, die Zwangsarbeit in einer hessischen Munitionsfabrik und schließlich den Todesmarsch im April 1945. "Das ist in Kürze mein Leben", wird sie nach gut anderthalb Stunden sagen. Da ist sie gerade von den Amerikanern befreit worden, steht mitten auf der Straße in Wurzen, Lumpen und Haut sind längst ineinander verwachsen ("Die Haut kam wie Schlangenhaut vom Körper herunter"). "Wir waren so erschöpft. Wir konnten uns nicht freuen." In einer Lagerhalle rieselt Zucker auf sie nieder, verlockend, weiß, endlos, wie die Gischt der Niagarafälle. Nur knapp gewinnt die Vorsicht Oberhand über die Gier der fast verhungerten Geretteten.
Der Bericht der Zeitzeugin Blanka Pudler folgt dem Drehbuch des ansteigenden, unerbittlichen Grauens. Die Kindheit in einer bitterarmen jüdischen Schneidersfamilie in den Karpaten. Ein Kind, das immer neue Sprachen lernen muss, je nachdem, wie sich die Grenzen verschieben von Ungarn, Tschechien und der Ukraine. Die mitleidige Lehrerin, die beim Schulfest 1944 sagt: Du darfst den Stern abnehmen während der Feier. Die kleine Tasche mit dem Zeugnis ("mein größter Schatz"), das mitreist - im Viehwaggon nach Auschwitz.
Doch dies sind nur die harmloseren der Bilder, die sich einprägen werden ins Gedächtnis. Und es ist allein das Wissen um das - relativ - glückliche Ende, das das Zuhören erträglich macht, manchmal hilft nicht mal das: Auschwitz-Birkenau, sengende Sonne, kein Baum, der Schatten spendet. D-U-R-S-T. Manchmal kommt ein Wasserwagen vorbei, unregelmäßig. Regelmäßig ist nur das Ritual, das der feixende Chauffeur vornimmt. Er schnappt sich einen dreckigen Lappen, taucht ihn in den Trog mit Frischwasser, der den weiblichen Gefangenen zugedacht ist, und beginnt erstmal in aller Ruhe sein dreckiges Auto zu putzen...
Ältere und junge Zuhörer sind am Vorabend des 8. Mai in die Akademie gekommen, mehrere Generationen, wie es sich die junge Studienleiterin Ines Grau erhofft hat für diese Veranstaltung mit der Holocaust-Zeitzeugin Blanka Pudler, die sie im vergangenen Jahr bei einem Überlebendentreffen in Paris kennen gelernt hatte und die nun, zum ersten Mal in Ostdeutschland, wie Grau betont, Zeugnis ablegt. Seit mehr als 20 Jahren kommt Blanka Pudler regelmäßig in die Bundesrepublik, um über ein Jugendjahr im Herz der Finsternis zu berichten, meist vor Schülern, das ist in Wittenberg nicht anders, wo es kurz vor Pfingsten Veranstaltungen mit ihr an den Gymnasien gab. Nächstes Jahr wird sie 80. "Ich will noch lange leben, damit ich diese Arbeit weitermachen kann." Wann, hat eine Frau aus dem Publikum sehr nahe liegend aber auch sehr eilfertig gefragt, habe sie "den Deutschen" wieder trauen können? "Ich bin ein Mensch, der nicht im allgemeinen denkt", antwortet Blanka Pudler, "man darf nicht generalisieren." Mit Gott, wird sie einer anderen Zuhörerin antworten, war es schwieriger als mit den Menschen. "Ich habe meinen Glauben in Auschwitz verloren."





































