Lodersleben
Ratlos nach dem Anschlag
Spurensuche nach dem Angriff auf polnische Erntearbeiter - Kirche will Zeichen setzen
VON Katrin Löwe und Gert Glowinski, 28.04.08, 20:17h, aktualisiert 28.04.08, 20:22h

Ortsbürgermeister Horst Fabich (Freie Wählergemeinschaft) ist nach dem Brandanschlag empört. Die Tat der Jugendlichen kann er sich nicht erklären. (MZ-Foto: A. Stedtler)
Lodersleben/MZ. Nach dem Brandanschlag auf eine Unterkunft polnischer Erntehelfer in Lodersleben (Saalekreis) sitzen vier Jugendliche wegen versuchten Mordes in Haft. Die Tat löst Empörung und Ratlosigkeit aus.
Seine Telefone klingeln den ganzen Tag, selbst das polnische Fernsehen hat sich inzwischen angemeldet: Horst Fabich (Freie Wählergemeinschaft) ist als Ortsbürgermeister von Lodersleben zwei Tage nach dem Brandanschlag auf die Unterkunft polnischer Erntehelfer ein gefragter Gesprächspartner. Einer, der selbst viel grübelt über die Hintergründe der Tat - aber noch keine wirkliche Antwort findet.
Im Ort ist es ruhig an diesem Montag. Die Zeitungen im Supermarkt sind schnell vergriffen - und immer wieder ist da Kopfschütteln, wenn Einwohner nach rechten Tendenzen unter Jugendlichen gefragt werden. Eigentlich, sagt ein junger Mann, habe es im Ort eine ausgeprägte Heavy-Metal-Szene gegeben, die früher jeden Versuch erstickt habe, von außerhalb rechtes Gedankengut hereinzutragen. Das war es wohl, was Ortsbürgermeister Fabich meint, wenn er sagt, dass so ein kleines Dorf sich auch ein Stück weit "selbst erzieht". Rechtsextremismus sei ihm nie aufgefallen, so Fabich.
Irgendwann muss die Selbsterziehung wohl nicht mehr funktioniert haben. Etwa ein halbes Jahr sei es her, dass die 17 und 20 Jahre alten mutmaßlichen Brandstifter immer öfter Alkohol tranken und dabei rechte Musik hörten, sagt ein Jugendlicher. Sie rannten nicht Naziparolen grölend durch den Ort, unter Gleichaltrigen soll ihre Gesinnung aber kein Geheimnis gewesen sein. "Wir haben uns dann von denen abgekoppelt", so der junge Mann. Vor allem bei einem der Verdächtigen, von dessen Partykeller der Anschlag ausging, sei die Einstellung "schon manchmal krass" gewesen. Mit "schwierig" wird dessen familiäres Umfeld im Ort beschrieben. Ohne Lehre, der Vater vor drei Jahren gestorben, die arbeitslose Mutter offenbar überfordert. Der Anschlag aber - der habe auch ihn überrascht, sagt der Jugendliche.
Die Arbeitsstelle Rechtsextremismus beim Verein "Miteinander" beobachtet die Region Querfurt schon lange. "Es gibt dort gewaltbereite rechtsextreme Strukturen", sagte Sprecher Torsten Hahnel. Rechtsextreme in und um Querfurt, die sich selbst "Autonome Nationalisten" nennen, hätten Verbindung zu führenden Köpfen der Szene etwa nach Sangerhausen. In Querfurt selbst war es in der Vergangenheit mehrfach zu Vorfällen gekommen. Ob ein Zusammenhang mit den Tatverdächtigen aus Lodersleben besteht, werde geprüft, so Hahnel. Im Ort selbst war die Gruppe Jugendlicher durchaus schon unangenehm aufgefallen. Von zerschlagenen Autoscheiben, zerstörten Dachrinnen, umgeworfenen Mülltonnen reden Einwohner. Und vom Verdacht, die Gruppe könnte auch etwas mit dem Scheunenbrand hinter dem Erntehelfer-Haus im Februar zu tun gehabt haben. Die Polizei hatte eine Verurteilung wegen Diebstahls bestätigt.
Drei der Verdächtigen sollen aus durchaus intakten Familien kommen. Zwei gehen zur Schule, einer hätte am Montag seinen Ausbildungsvertrag für eine Handwerks-Lehre abschließen sollen. Zwei Jungen waren in der Feuerwehr integriert - rechtsextremes Gedankengut hat aber auch dort niemand bemerkt, heißt es. Ein 17-jähriges Mädchen, das am Sonntag wieder auf freien Fuß kam, gilt als Mitläuferin.
An sich ist Lodersleben ein Ort wie viele. Die Heimatstube lädt ein, das Schloss lockt, ein Schützenfest steht an. In der ehemaligen Schule gibt es einen betreuten Clubraum für Jugendliche. Für die Verdächtigen war der aber wohl kein Anlaufpunkt mehr: Er schließt um 18 Uhr. Und die ältere Jugend "weiß wohl nichts mehr mit sich anzufangen", sagt Ortsbürgermeister Fabich. Dass die Jugendlichen nun einen Molotow-Cocktail in das Haus der Erntehelfer warfen und einer sogar in ein Zimmer einstieg, um den zunächst wirkungslosen Brandsatz selbst zu entzünden, verbittere ihn.
Zeichen will nun neben Stadt und Kreis auch die evangelische Kirche setzen. Man bemühe sich um Kontakt zu den Opfern und den Eltern der Täter, heißt es. Morgen findet in Querfurt eine Andacht statt, in der "wir uns deutlich auf die Seite der Menschen stellen, denen offensichtlich der Brandanschlag gegolten hat. Wir lehnen jede Form von Gewalt ab", so Superintendentin Annette-Christine Lenk. Die Polen arbeiten unterdessen weiter auf dem Hopfenfeld - möglicherweise ist ihr Einsatz jetzt aber der letzte.












































