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Thüringen

Rudolstadt am Rassismus-Pranger

Familie flieht nach Anfeindungen wie «Geht doch zurück in den Urwald»

VON Andreas Hummel, 08.04.08, 08:29h
Familie Neuschäfer
Die Familie Neuschäfer wollte im thüringischen Rudolstadt leben. Weil die Frau und die Kinder anders aussehen als die meisten Menschen dort, wurden sie diskriminiert. (Foto: privat)
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Rudolstadt/dpa. Mit Rudolstadt steht erneut eine ostdeutsche Kleinstadt am Rassismus-Pranger. Die Vorwürfe sind erschreckend: Eines ihrer Kinder sei von Mitschülern als «Nigger» beschimpft, ein anderes verprügelt worden, erzählt die Pfarrfrau Miriam Neuschäfer. Und das alles, weil sie eine indische Mutter hat und so ihre Kinder eine etwas dunklere Haut haben. Sie selbst sei mit Sätzen wie «Geht doch zurück in den Urwald» belegt und in einigen Geschäften nicht bedient worden. Inzwischen ist sie mit den Kindern ins Rheinland umgezogen. Diese Flucht hat innerhalb der Kirche, aber auch im Freistaat für heftige Diskussionen gesorgt. Dabei wird zunehmend auch Kritik an der Familie laut.

«Irgendwann hält man diese Beleidigungen nicht mehr aus», sagt Miriam Neuschäfer. Ihr Mann ist Schulbeauftragter der Thüringer Landeskirche für die Region Rudolstadt. Dort ist er noch immer beschäftigt. «Das sind keine Einzelfälle», stellt Reiner Andreas Neuschäfer klar. Viele Menschen hätten ihm von ähnlichen Vorfällen berichtet. «Seit wir vor gut sieben Jahren nach Thüringen gekommen sind, ist es immer wieder zu solchen Anfeindungen gekommen», betont seine Frau.

Die Vorwürfe haben die 25 000-Einwohner-Stadt aufgeschreckt. Seit Jahren arbeiten die Rudolstädter am Image der Weltoffenheit, etwa mit dem internationalen Tanz- und Folkfestival. Inzwischen wirbt die Stadt mit dem Titel «Schillers heimliche Geliebte». Doch nun werden böse Erinnerungen wach. Anfang der 1990er Jahre hatten Neonazis die Stadt wiederholt für ihren braunen Spuk auserkoren. 1992 waren etwa 2000 Rechtsextreme zum fünften Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß durch den Ort gezogen.

Aber inzwischen hat sich das Blatt laut Polizei gewandelt: «Die Stadt ist kein Zentrum rechter Gewalt», sagt Polizeisprecher Eddy Krannich. Hin und wieder gebe es Schmierereien, aber auch das sei vergleichsweise gering. Deshalb wehrt sich die Stadt gegen eine pauschale Verurteilung. «Es tut uns leid, was da passiert ist», sagt Stadtsprecher Frank Michael Wagner. «Aber man darf deswegen nicht die ganze Bevölkerung verurteilen.» Auf ein Gesprächsangebot der Stadt habe Neuschäfer bislang nicht reagiert.

Bürgermeister Jörg Reichl (parteilos) will sich im Moment nicht zu dem Vorfall äußern. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) hatte ihm in einem offenen Brief vorgeworfen, das Problem der Fremdenfeindlichkeit zu verharmlosen. Diese Einschätzung teilt der innenpolitische Sprecher der Landtagsfraktion Die Linke, Roland Hahnemann. «Die Familie hat sich die Vorwürfe gewiss nicht aus den Fingern gesogen.» Er kennt die Region Saalfeld-Rudolstadt, weil er dort seinen Wahlkreis hat. Allerdings sei die Ablehnung von Fremden ein Problem in vielen deutschen Kleinstädten - in Ost und West.

In der Region wird auch gemunkelt, dass die Schwierigkeiten der Neuschäfers weniger mit deren Hautfarbe zu tun hatten, als vielmehr mit ihrem «Besser-Wessi-Auftreten». Zugleich wehrt sich die Evangelisch-Lutherische Landeskirche gegen den Vorwurf, sie habe dem Pfarrer nach einem Artikel über Rassismus in der Kirchenzeitung «Glaube und Heimat» ein Publikationsverbot erteilt. «Es gibt eine Menge Ungereimtheiten, die wir dringend erörtern müssen», sagt Kirchensprecher Ralf-Uwe Beck. Daher sei Pfarrer Neuschäfer für diesen Dienstag zu einem Gespräch bestellt worden.

Landesbischof Christoph Kähler hatte zuvor in einem Schreiben an die Gemeinden die Rassismus-Vorwürfe der Neuschäfers gerügt. «Eine pauschale Verdächtigung einer ganzen Stadt und ihrer Gemeinden hilft weder der Wahrheitsfindung noch dem Bemühen, Fremdenfeindlichkeit zu verhindern und zu unterbinden.» Die Kirche werde sich gründlich mit den Vorwürfen auseinandersetzen und sie auf ihre Stichhaltigkeit prüfen. «Aber wir werden ebenso deutlich falsches Zeugnis zurückweisen.»

Die Landeskirche verweist darauf, dass sie Neuschäfer mehrere neue Stellen angeboten habe, die er alle ausgeschlagen habe. Dies bestreitet der Pfarrer: «Bis heute liegt mir kein Angebot vor.» Die Kirche habe ihm in keiner Weise Hilfe angeboten. Nun will er sich auf Stellen im Rheinland bewerben. Miriam Neuschäfer bedauert die Entwicklung. «Wir wollten eigentlich nur eine Auszeit nehmen und dann wieder zurückkehren», sagt sie. «Im Moment sieht es aber so aus, als ob wir nicht wieder zurück können.»


    
    
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