Thüringen
Rudolstadt ringt um den Ruf
Bürger wehren sich gegen Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit - Alarmsignale übersehen
VON Markus Decker, 06.04.08, 21:47h, aktualisiert 06.04.08, 21:49h

Die Familie Neuschäfer wollte im thüringischen Rudolstadt leben. Weil die Frau und die Kinder anders aussehen als die meisten Menschen dort, wurden sie diskriminiert. (Foto: privat)
Rudolstadt/Erkelenz/MZ. Fridolin Zaugg denkt
lange nach, bevor er spricht. Meist urteilt
Zaugg ausgleichend. Er kann aber auch Sätze
sagen wie: "Die dummen Säcke nehmen sich mehr
Platz, als ihnen zusteht." Gemeint sind Rassisten.
Der Schweizer ist 1992 nach Rudolstadt gekommen.
Er ist "kultureller Jugendpfleger" und wohnt
in einer schönen großen Villa. Dort haben
auch Pfarrer Reiner Andreas Neuschäfer, seine
indischstämmige Frau Miriam und ihre fünf
Kinder gewohnt - bis Frau Neuschäfer die fremdenfeindlichen
Anfeindungen, denen sie sich ausgesetzt sah,
nicht mehr ausgehalten hat und die Familie
im September 2007 nach sieben Jahren ins rheinische
Erkelenz "floh". Sie fühlten sich beleidigt
und bedrängt.
Herr Neuschäfer hat mindestens einen Leserbrief
und einen Artikel in der Kirchenzeitung "Glaube
und Heimat" veröffentlicht, in dem er "Intoleranz"
beklagt und seinen evangelischen Arbeitgeber
darin einbezieht. Im 25000 Einwohner zählenden
Rudolstadt mit seinen 400 Ausländern herrschen
nun Unverständnis und Zorn. Heike Enzian von
der "Ostthüringer Zeitung" berichtet: "Die
Leute sagen: Das hat Rudolstadt nicht verdient."
Was aber hat Rudolstadt verdient?
Bürgermeister Jörg Reichl hatte in einer ersten
Reaktion erklärt: "Hier herrscht keine Ausländerfeindlichkeit."
Anders lautende Behauptungen seien "übertrieben".
Das hat Reichl Kritik eingetragen. Deshalb
muss er gerade rücken. Er hat Neuschäfers
zu einem Gespräch eingeladen und räumt ein:
"Die latente Ausländerfeindlichkeit kann man
nicht fassen. Die kann man auch nicht ausschließen."
Selbst in Rudolstadt nicht. Allerdings gebe
es keine zählbaren Vorfälle. Und damit das
so bleibt, investiere man seit geraumer Zeit
- rein präventiv - in die Jugend- und Kulturarbeit
und das jährliche internationale Tanz- und
Folklorefestival. "Die Welt darf gerne bei
uns zu Gast sein", sagt der Bürgermeister.
Das findet auch die evangelische Landeskirche.
Superintendent Peter Taeger ärgert sich, dass
Neuschäfer "das Gespräch nicht gesucht" habe.
"Als Pfarrer kämpft man und hinterlässt nicht
pauschale Schuldzuweisungen." Zudem widerspricht
Taeger der These, Fremdenfeindlichkeit sei
im Osten weiter verbreitet als im Westen.
Die 2000 aus Westdeutschland nach Rudolstadt
zugewanderte Familie Neuschäfer sieht das
so. Dienstag wird es ein Treffen zwischen beiden
Seiten geben. Neuschäfer fühlt sich unverstanden,
sein Dienstherr fühlt sich schuldlos angeklagt
und ließ in den Rudolstädter Gemeinden am Sonntag
ein Wort von Landesbischof Christoph Kähler
verlesen. "Eine pauschale Verdächtigung einer
ganzen Stadt und ihrer Gemeinden hilft weder
der Wahrheitsfindung noch dem Bemühen, Fremdenfeindlichkeit
zu verhindern", heißt es darin.
Auch Lokalredakteurin Heike Enzian bestreitet,
dass Rudolstadt eine Stadt ist, die Fremde
fürchten müssen. Sie kann sich jedoch vorstellen,
dass die Neuschäfers Rudolstadt so erlebt
haben wie Ostdeutsche zuweilen Westdeutschland
erleben - nicht offen feindlich, doch vorurteilsbeladen
und ignorant. Was hat Rudolstadt verdient?
Die Wahrheit ist schwer zu finden, vermutlich
weil es mehrere Wahrheiten gibt. Auf jeden
Fall wurden Alarmsignale übersehen, bis der
Ruf der Stadt auf dem Spiel stand.












































