Nach Überfall in Halberstadt
Turbulenter Schlagabtausch vor Gericht
Prozess gegen vier Rechtsextreme geht weiter - Kritik an Opferberatung
VON Michael Draeke, 28.03.08, 17:33h

Ein Passant geht vor dem alten Klubhaus in Halberstadt an der Stelle vorbei, an der in der Nacht zum 09. Juni 2007 eine Gruppe Schauspieler angegriffen und einige von ihnen zum Teil schwer verletzt wurden. (Foto: ddp)
Magdeburg/Halberstadt/ddp. Ungeachtet heftiger Kritik von
Opfervertretern wird der Prozess gegen vier Mitglieder der rechten
Szene wegen eines Überfalls auf Schauspieler in Halberstadt
fortgesetzt. Einen Antrag der Nebenklage für ein vorzeitiges Ende des
Verfahrens lehnte das Gericht am Freitag als «unzulässig» ab.
Vertreter der Staatsanwaltschaft warfen den Opferanwälten vor, den
Prozess durch «gezieltes Einschalten der Medien» zu
instrumentalisieren. Die Anwälte von fünf als Nebenkläger
auftretenden Schauspielern hatten ihren Antrag vor zwei Wochen mit
«massiven Polizeipannen und Ermittlungsfehlern» begründet.
Vor dem Amtsgericht Halberstadt, das aus Platzgründen in Magdeburg
tagt, lieferten sich Vertreter von Staatsanwaltschaft und Nebenklage
einen heftigen Wortwechsel über Ablauf und Ziele des Verfahrens.
Staatsanwalt Bodo Mattstedt kritisierte den Antrag der Nebenklage als
sachlich unbegründet und «polemisch». Er warf den Vertretern der
Opfer des Überfalls vor, von Beginn an einen «unheimlichen medialen
Druck aufgebaut» zu haben. Die «ständigen Angriffe gegen das Gericht»
seien zudem «eine Zumutung», «niemand» zeige «Desinteresse» an dem
Verfahren.
Das Gericht verließ den Verhandlungssaal zwischenzeitlich
angesichts eines lautstarken Streits zwischen Opferanwälten und
Staatsanwaltschaft für etwa 20 Minuten. Der Vorsitzende Richter
Holger Selig verwahrte sich danach erneut gegen Vorwürfe der
Nebenklage, der Prozess folge nicht rechtsstaatlichen Prinzipien.
Die beiden Staatsanwälte übten in ihrer Stellungnahme auch massive
Kritik an der «Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt». Ihre
Verlautbarungen seien zum Teil «manipuliert» und «falsch». Es sei
«bedenklich», dass sich die Kritik der Opferberater «immer» gegen die
Justizbehörden richte, obwohl der Verein staatliche Fördergelder
erhalte, sagte Mattstedt.
Die Anwälte der fünf Nebenkläger hielten an ihrer Kritik fest.
Eine Vertreterin sagte, es herrschten «vollkommen unterschiedliche
Rechtsauffassungen» zwischen Nebenklage und Gericht. Anwältin Frauke
Steuber bekräftigte, es mache für die Nebenklage «keinen Sinn mehr,
weiterzuverhandeln, weil das Verfahren von Anfang an voller Fehler
war». Steuber kündigte jedoch an, dass die Nebenklagevertreter auch
weiterhin an den Verhandlungen teilnehmen wollten.
Rainer O. Neugebauer, Sozialwissenschaftler und Mitglied des
Bürgerbündnisses für ein gewaltfreies Halberstadt, hatte vor der
Verhandlung die Chancen für eine Verurteilung von drei der vier
Angeklagten als gering eingeschätzt. Drei Beschuldigte, die bisher
zur Anklage geschwiegen haben, könnten voraussichtlich mit
Freisprüchen rechnen. Für Menschen, die sich in Halberstadt gegen
Rechtsextremismus engagierten, sei die Außenwirkung des Prozesses
«fatal».
Die Verhandlung wurde am Freitag zunächst mit der Befragung des
Intendanten des Nordharzer Städtebundtheaters, André Bücker,
fortgesetzt. Das Verfahren gegen vier Angehörige der rechten Szene
hatte im Oktober begonnen. Den vier 22- bis 28-jährigen Angeklagten
wird vorgeworfen, eine Gruppe von Theaterschauspielern am 9. Juni
2007 in Halberstadt angegriffen und fünf von ihnen teils schwer
verletzt zu haben.



































