Frankfurt/Main
Ausstellung zur Geschichte des Tagebuchs wird eröffnet
Von Goethes Schreibkalender zum Weblog - Viele Original-Dokumente zu sehen
VON Thomas Maier, 04.03.08, 16:19h

Anke Gröner stellt in ihrem Internet-Weblog das Tagebuch ihres verstorbenen Großvaters Hans Gröner vor: Die Angehörigen fanden eine Kiste mit Stücken von Brennholz, auf die Gröner Tagebuchnotizen schrieb. (Foto: ddp)
Frankfurt/Main/dpa. Goethe führte seinen «Schreibkalender»,
Anne Frank wurde mit den Aufzeichnungen in ihrem rot-weiß karierten
Poesie-Album weltberühmt. Heute ziehen neben den traditionellen
Tagebüchern die Internet-Weblogs Millionen von Neugierigen an. Die
Geschichte des Tagebuchs von seinen Anfängen vor rund 500 Jahren bis
ins Digitalzeitalter wird erstmals umfassend in einer Ausstellung in
Frankfurt erzählt. Im Museum für Kommunikation sind vom 6. März bis
14. September über 300 Tagebücher und Weblogs zu sehen. Neben den
Zeugnissen völlig unbekannter Schreiber werden auch zahlreiche
Original-Dokumente von berühmten Autoren präsentiert - von Goethe bis
Kafka, von Clara Schumann bis Adorno und Walter Kempowski.
Unter dem Titel «Absolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog» will
die Schau gängige Vorstellungen auf den Prüfstand stellen. Tagebücher
waren seit der Erfindung des Buchdrucks auch in der frühen Neuzeit
keineswegs nur privat gedacht, lautet eine These. Jeder Tagebuch-Schreiber habe immer schon auch an einen möglichen Mitleser gedacht.
Umgekehrt dürften die Weblogs (Kunstwort aus «Web» und «Logbuch») im
Internet, die heute das «papierene» Tagebuch ergänzen, nicht nur auf
Egotrips und Exhibitionismus reduziert werden. Allein in Deutschland
werden diese «Blogs» von schätzungsweise einer Million Menschen
gelesen.
Gedrucktes Papier ist zwar in der Geschichte des Tagebuchs am
wichtigsten. Aber sogra Klopapier wurde als Material benutzt. Und der
Sozialdemokrat Fritz Solmitz, einer der ersten politisch Verfolgten
des Nazi-Regimes, hat 1933 im KZ Fuhlsbüttel seine letzten Lebenstage
auf Zigarettenpapier dokumentiert. Die Webloggerin Anke Gröner
berichtete wiederum 2006 in ihrem Weblog von dem unerwarteten Fund
einer Kiste mit «Tagebuchhölzern» ihres verstorbenen Großvaters Hans
Gröner. Dieser hatte über Jahre hinweg kurze Nachrichten auf
Holzklötzen hinterlassen, die eigentlich als Brennmaterial vorgesehen
waren.
Diese Installation gehört zu den interessantesten Exponaten der
Ausstellung, weil hier traditionelles und elektronisches Tagebuch
verschmelzen. Im Weblog hat Anke Gröner der längst verstummten Stimme
des großväterlichen Loggers - das Wort Log bedeutet im Englischen
Holz - Gehör verschafft. Beeindruckend präsentiert wird auch die
Geschichte des Fotografen Dietmar Riemann, der seine vergeblichen
Ausreiseanträge aus der DDR in den 80er Jahren in zwölf Tagebüchern
festgehalten hat. Dazu gehören neben Zeitungsartikeln zahlreiche
Fotos, die Riemann mit einer unauffälligen Sucherkamera geschossen
hat. Das zeithistorische Dokument, das lange niemanden interessierte,
wird heute im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen bei Freiburg
aufbewahrt.
Mit einer Vielzahl auch völlig unbekannter Tagebücher ist das
südbadische Archiv zum wichtigsten Leihgeber der Ausstellung
geworden. Entstanden ist die Schau in Zusammenarbeit mit dem
Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen der Universität Gießen.
Im Anschluss an Frankfurt wandert die Ausstellung nach Nürnberg und
Berlin.

























