Extremismus
Sachsen ist Hochburg der rechten Konzerte
Anlaufstelle für Gesinnungsgenossen - Musik als Lock- und Bindemittel für Jugendliche
VON Marc Herwig, 14.02.08, 11:08h, aktualisiert 14.02.08, 11:10h

Mitglieder der rechtsextremen «Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland» (JLO) laufen mit Kapuzen die einen Totenkopf zeigen durch die Dresdner Innenstadt. (Foto: ddp)
Dresden/dpa. Sie heißen «Blitzkrieg» oder «Rassenreinheit» und
singen vom Kampf gegen Ausländer oder den Verdiensten Adolf Hitlers.
Rechtsextreme Bands machen Sachsen zur
Anlaufstelle für Gesinnungsgenossen aus ganz Deutschland. In keinem anderen
Bundesland finden mehr rechte Konzerte statt, sagt Danielo Starosta
vom Kulturbüro Sachsen. Und auch rechtsradikale Lieder im Internet
stammen laut Verfassungsschutz häufig aus dem Freistaat. Zwar sind
der Polizei in den vergangenen Wochen bei Razzien deutliche Schläge
gegen die Szene gelungen. Trotzdem sehen Verfassungsschützer die
Musik weiterhin als entscheidendes Mittel, mit dem vor allem
Jugendliche in die Szene gelockt und dort gehalten werden.
«Musik ist das Lebenselixier der rechtsextremistischen Szene»,
sagt Olaf Vahrenhold vom sächsischen Verfassungsschutz. Knapp 200
Konzerte in Sachsen sind den Ermittlern von 2002 bis 2006 bekannt
geworden. Gefährlich dabei seien gar nicht unbedingt die Liedtexte.
«Bei den meisten Konzerten wird so laut gegrölt, da versteht man
kein Wort», sagt der Beamte. Die Gefahr lauere am Rand der
Veranstaltungen, wo Rekrutierer die Besucher sehr professionell für
die rechte Szene anwerben. Musik sei nur die «Einstiegsdroge», heißt
es in einem Bericht von Vahrenholds Behörde.
Immer sei es die gleiche Masche, berichtet auch Starosta, der
seit sieben Jahren unter anderem Aussteiger betreut. «Durch die
eingängigen Parolen der Nazi-Mucke werden die Konzertbesucher offen
für die Ideologie, mit der sie anschließend konfrontiert werden.»
Vor allem bei Männern bis 30 Jahren funktioniere das immer wieder.
«Das ist eine knallharte Strategie, die dahintersteckt!»
Genau andersherum arbeiten die «nationalen Liedermacher» wie Jörg
Hähnel oder Annett Müller. Während bei Rockbands die Musik der
Türöffner für die Ideologie ist, begeistern die Liedermacher die
Menschen durch ihre rechtsradikalen Texte für die Musik, sagt
Starosta. «Die sprechen sehr deutlich Dinge an, die die Leute
bewegen.» Die Qualität der Musik sei allenfalls zweitrangig.
Gemeinsam ist allen Richtungen der rechten Musik die zunehmende
Professionalität. Die Arbeit der Verfassungsschützer wird dadurch
immer schwieriger, sagt Vahrenhold. Als Rechtsextreme vor ein paar
Jahren noch CDs an Schulen verteilten, sei man ihnen viel schneller
auf die Schliche gekommen. «Heute ist das Internet das zentrale
Organisationsmittel der Szene.»
Unter ausgedachten Spitznamen werden dort nicht nur massenhaft
Lieder ausgetauscht. Viel nachhaltiger ist, dass sich Jugendliche
durch die Diskussionen in Blogs viel stärker mit der Botschaft der
Liedtexte beschäftigen als früher. Die Texte in den CD-Covers habe
kaum jemand gelesen, sagt Vahrenhold. Das sei im Internet anders.
Auch den gewerbsmäßigen Musikvertrieben, die erfahrungsgemäß vor
allem im Raum Chemnitz sitzen, bietet das Internet nahezu perfekten
Schutz. Rechtsradikale Inhalte werden so oft über Server im Ausland
umgeleitet, bis sich die Fahnder irgendwo im Datenwirrwarr
verheddern.
Selbst juristisch werden die Musik-Macher immer gewiefter. Damit
die Verbreitung der Songs nicht durch staatliche Verbote behindert
wird, lassen sie vorher von Anwälten jedes einzelne Wort prüfen. So
entstehen Texte, deren rechtsradikale Botschaft zwar eindeutig ist,
die den Ermittlern aber keine sichere Angriffsfläche bietet, beklagt
Vahrenhold.
Schutz vor rechten Ideologien könnten letztlich nicht die
Strafverfolger leisten, sind sich die Experten einig. Viel wichtiger
sei es, Jugendliche schon in der Schule über die Ziele der rechten
Szene aufzuklären. Wer einmal die Vorteile der freiheitlichen
Demokratie schätzen gelernt habe, müsse sie nicht mehr bekämpfen,
schreibt der Verfassungsschutz.












































