Landwirtschaft
Wein wandert immer weiter Richtung Norden
Mit dem Klimawandel verschiebt sich auch die Anbaugrenze
VON Georg Ismar, 02.01.08, 07:49h

Weinbauer Fritz Currle erntet am Weinberg am Stintfang in Hamburg die Hamburger Weintrauben. (Foto: dpa)
Hamburg/dpa. Riesling aus St. Peter-Ording und
feinblumig-milder Müller-Thurgau aus der Holsteinischen Schweiz - was
vor Jahren undenkbar schien, klingt nicht mehr so abwegig. Nahe der
Hamburger Landungsbrücken gedeihen bereits seit zwölf Jahren die
Trauben Phoenix und Regent. Mit dem Klimawandel verschiebt sich auch
die Weinanbaugrenze jedes Jahr ein Stückchen weiter Richtung Norden.
Zuletzt erlaubte das Klima im 12. Jahrhundert an der Ostsee, in
England und Dänemark Weinanbau im großen Stil. Damals gab es eine
ähnlich warme Klimaperiode wie heute. Erst eine Kälteperiode im 15.
Jahrhundert machte dem großflächigen Winzertum im Norden ein Ende.
Winzerin Christel Currle betreut mit ihrem Vater Fritz den kleinen
Hamburger Weinbau mit 75 Rebstöcken. «Jedes Jahr wird es ein
Stückchen besser», sagt die 37-jährige Stuttgarterin. Das Mostgewicht
steige. «Wir haben mittlerweile ein Produkt, das ähnlich wie ein
Qualitätswein ist.» Durch fehlende Hänge und Berge im Norden bleibe
aber das Problem einer anderen Sonneneinstrahlung. Winzer berichten
von Anlaufschwierigkeiten: «Am Anfang war das nur Sauerampfer».
Doch die Zeiten ändern sich: Weinexperte Mario Scheuermann,
Betreiber des Informations-Portals «best-of-wine.com» berichtet von
einer Zunahme guter Tropfen aus dem Norden. «Werderaner Wachtelberg
oder Kirmans Traminer, Rieslinge und Pinot Noirs aus Westerhausen
nördlich des Harz sind qualitativ bereits echte Konkurrenz.» Die
Rebflächen ziehen sich mittlerweile «wie ein Flickenteppich über
Norddeutschland - von den Ausläufern des Hessischen Berglandes über
den Harz bis an den Ostseestrand», sagt Scheuermann.
Als «Polargrenze» des Weines galt bisher der 52. Breitengrad, der
ungefähr auf der Höhe von Bielefeld verläuft. Manfred Stock vom
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hält diese Grenze nicht
mehr für haltbar: «Wein kann immer weiter nordwärts angepflanzt
werden.» Selbst auf der schwedischen Insel Gotland wird bereits Wein
kultiviert. Auch auf vielen dänischen Inseln wird Weinbau betrieben.
Dänemark ist von der Europäischen Union (EU) als Qualitätsweinbauland
anerkannt worden - und Polen hat bei der EU jüngst das Pflanzrecht
für 100 000 Hektar Rebflächen beantragt.
In Deutschland liegen die nördlichsten Anbaugebiete derzeit in
Mecklenburg-Vorpommern. Einer der nördlichsten Rotweine gedeiht auf
der Insel Usedom. Schleswig-Holstein hinkt nach Angaben des Kieler
Landwirtschaftministeriums noch etwas hinterher, «hier gibt es nur
ein paar private Hobby-Winzer.»
Die Nordwanderung zeige sich besonders deutlich in England, sagt
Stock. Hier sei die Weinanbaufläche in den vergangenen 20 Jahren um
300 Prozent gewachsen. «Die haben ein paar ganz gute Tropfen», sagt
der 58-Jährige. Die Klimabedingungen haben Rückwirkungen auf den
Anbau in den traditionellen Weingebieten. Reben in Spanien und
Frankreich nähern sich in Zukunft den Bedingungen des heutigen
Griechenlands an, während sich Badische und Rheingauer Winzer auf
französisches Klima einstellen können, erklärt Stock.
Auch der englische Weinkritiker Stuart Pigott hält die Zeit reif
für einen Nordwein - auch wenn der Boden vielerorts zu sandig und das
Klima zu kalt sei. Er rät zu nordischer Bescheidenheit: «Es muss ja
kein anspruchsvoller Wein werden, deswegen würde ich lieber ein
leichtes, fruchtbetontes Getränk anstreben - einen angenehmen
Zechwein also.»
Weil sich die Nordlichter auch beim Konsum zu Weinliebhabern
mausern, fangen sie den Einbruch von bis zu 30 Prozent in Weinländern
wie Frankreich, Italien und Spanien auf. In Schweden tranken die
Bürger im vergangenen Jahr 29 Liter pro Kopf, in Dänemark sogar 35
Liter. Auch in Deutschland, mit rund 40 Litern Weinkonsum pro Kopf
weiter in der europäischen Spitzenklasse dabei, zeigt sich ein
Einbruch der Norddeutschen in die süddeutsche Weinphalanx.
Die Hamburger kauften 2006 pro Haushalt 57 Liter Wein - mehr als
die Menschen im Rheinland oder in München. In den Hansestädten erlebe
die jahrhundertealte Weintradition eine Renaissance, sagt Ernst
Büscher vom Deutschen Weininstitut. Besonders beliebt ist deutscher
Weißwein. «Der passt in Skandinavien und in Norddeutschland gut zur
Küche, weil hier viel Fisch gegessen wird.»




































