Birma
60 Jahre unabhängig und nur vier wirklich frei
Seit Putsch 1962 herrscht das Militär - Brutale Niederschlagung aller Proteste
VON Christiane Oelrich, 28.12.07, 08:47h, aktualisiert 28.12.07, 08:47h

Soldaten stehen mit ihren Gewehren am Rande einer Demonstration von buddhistischen Mönchen in Rangun. (Foto: dpa)
Singapur/dpa. «Wir müssen hoffen, dies ist unsere letzte
Chance», sagt der Exilbirmane mit Tränen in den Augen. «Wir können ja
schließlich nicht nochmal 20 Jahre warten.» Doch überzeugend klingt
Zin Linn (62) nicht. Die Hoffnung, räumt er ein, dass das Volk sich
trotz der jüngsten Niederschlagung friedlicher Proteste bald vom Joch
der seit 36 Jahren brutal waltenden Militärherrscher befreien kann,
ist vor allem Wunschdenken. Der Sprecher der Exilgruppe «Nationale
Koalitionsregierung von Birma» in Bangkok sieht 60 Jahre nach der
Unabhängigkeit (4. Januar 1948) keinen Silberstreif am Horizont, so
wenig wie Bürger im Land, Dissidenten und ausländische Experten.
«Ich bin nicht optimistisch, wenn ich in die Zukunft blicke», sagt
eine Dissidentin in Rangun, die sich nach «sechs Jahren, fünf Monaten
und sechs Tagen» in den Kerkern des Regimes ins Privatleben
zurückgezogen hat. «Die Opposition, das sind doch alte Männer, alles
ehemalige Offiziere. Und Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi ist
eine Galionsfigur, aber allein regieren kann sie auch nicht.»
Wie die Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi heute war ihr Vater
Aung San einst großer Hoffnungsträger der Birmanen. Er kämpfte in den
40er Jahren zunächst mit den japanischen Besatzern gegen die
britische Kolonialmacht. Dann wechselte er die Seiten und half, die
Besatzer zu besiegen. Fortan verhandelte er mit den Briten über die
Unabhängigkeit, die diese ihm bis spätestens Anfang 1948 versprachen
Aber Aung San wurde sechs Monate vor Erreichen seines Traums von
einem politischen Rivalen ermordet. Die Unabhängigkeit kam trotzdem,
am 4. Januar 1948. Richtig frei war Birma aber nur vier Jahre. Seit
Ne Wins Militärputsch 1962 steht das Land unter Militärherrschaft.
Wie brutal das Regime vorgehen kann, zeigte sich wieder im
September. Als Bürger in dem bitterarmen Land nach schmerzhaften
Preiserhöhungen verzweifelt auf die Straße gingen, schlossen sich
plötzlich die Mönche an. Hunderttausende marschierten - bis das
Militär erst Tränengas und dann Gewehre einsetzte. 15 Menschen, sagt
das Regime, seien ums Leben gekommen. Menschenrechtsgruppen gehen
eher von 200 Toten aus. Die Vereinten Nationen haben schon zwei
Gesandte geschickt, die die Generäle zu einem Dialog mit der
Opposition bewegen sollen. Die Aussichten auf Erfolg sind gering.
«Die Zukunft?», sagt der langjährige Birma-Forscher und US-
Professor David Steinberg, der kurz nach den Unruhen in Birma war.
«Ich sehe mehr Ärger, größere Gewalt, stärkere Militärkontrolle, noch
mehr Hunger, noch weniger Almosen für die Mönche - die Krise wird
weitergehen, bis die Regierung einsieht, dass sie ein Problem hat.»
Danach sieht es bislang nicht aus. «Wir werden weiter marschieren. Es
gibt keinen Grund, die Richtung zu wechseln», schrieb das Staatsorgan
«Neues Licht von Birma» zwei Wochen nach der blutigen Niederschlagung
der Demonstrationen.
Die Südostasiatische Staatengemeinschaft ASEAN ließ sich bei ihrem
Gipfeltreffen im November in Singapur von ihrem Mitglied Birma
brüskieren. Der Außenminister verhinderte in letzter Sekunde ein
Gespräch mit dem UN-Gesandten Ibrahim Gambari, der offiziell
eingeladen worden und schon im Anflug auf Singapur war. Singapurs
Außenminister George Yeo räumt ein: «Wir sind nicht optimistisch. Es
wird schwierig und kompliziert, aber was ist die Alternative?»
Ein Aufstand innerhalb der Armee, meinen manche Birma-Kenner.
«Das Einknüppeln auf die Mönche dürfte die Psyche vieler junger
Offiziere erschüttert haben», sagte der frühere BBC-Korrespondent
Larry Jagan bei einem Forum in Bangkok. Die Zeitschrift «Jane's
Weekly» berichtete 2006 aus einem internen birmanischen Armeepapier
über wachsende Zahlen von Deserteuren. In den vier Monaten zuvor
seien aus den Reihen fast 10 000 Soldaten verschwunden.
Viele Birmanen sehen keine Befreiungschance von unten. «Unsere
einzige Hoffnung ist, dass die Amerikaner kommen und die Regierung
bombardieren, wie im Irak», sagt eine 60-jährige Frau in Pokokku, wo
die Mönchsproteste im September begannen. Oder auch noch nicht mal
das. «Wir sind Buddhisten und glauben an die Wiedergeburt», sagt sie.
«Wir sehen unser Leiden als Bestrafung für Sünden in früheren Leben.»












































