MZ-Serie «Mit offenen Augen»
«Die Gewalt wird wachsen»
Psychiater Andreas Marneros über rechte Täter, Umbrüche und ostdeutsche Befindlichkeiten
VON Torsten Kleditzsch und Steffen Reichert, 17.10.07, 20:54h, aktualisiert 17.10.07, 22:16h

Im Sommer 1992 kam es in dem Rostocker
Stadtteil Lichtenhagen vor einer Unterkunft
von Asylbewerbern zu ausländerfeindlichen
Ausschreitungen. Rechtsradikal motivierte
Gewalt - wie sie dort sichtbar wurde - ist
auch Folge der sozialen Umbrüche in den neuen
Bundesländern. Diese Auffassung vertritt Andreas
Marneros, der seit Jahren Straftäter begutachtet. (Foto: dpa)
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Halle/MZ. "Mit offenen Augen" - die Serie der Mitteldeutschen Zeitung sorgt nach wie vor für intensive und kontroverse Leserdiskussionen. Einer, der sich in seiner Eigenschaft als Chef der Psychiatrischen Klinik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg seit Jahren mit ausländerfeindlichen Einstellungen und sozialen Verwerfungen auseinander setzt, ist Andreas Marneros. Mit dem 60-jährigen Wissenschaftler, der auf Zypern geboren wurde und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, sprachen Torsten Kleditzsch und Steffen Reichert.
Herr Marneros, ist die Ausländerfeindlichkeit im Osten tatsächlich größer als die im Westen?

Professor Dr. Andreas Marneros wurde
1946 in Zypern geboren und ist seit 1973
an deutschen Universitäten tätig. Heute ist
er Direktor der Klinik und Poliklinik für
Psychiatrie und Psychotherapie der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg. Marneros war in zahlreichen
Prozessen gegen rechtsextreme Gewalttäter
als Gutachter tätig. (Foto: MZ)
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Marneros: Ich sehe das zwiespältig. Meine ersten Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit habe ich schließlich vor 35 Jahren im Westen gemacht. Klar aber ist: Nach der Statistik ist die gewalttätige Ausländerfeindlichkeit im Osten eindeutig höher. Es gibt viele Theorien, warum das so ist, die ich aber nicht uneingeschränkt teile. Eine Erklärung ist, dass die DDR-Bürger kaum Begegnungen mit Ausländern hatten, der Anteil betrug Anfang der 90er Jahre 0,2 Prozent. Eine andere Erklärung ist die gefühlte Zukunftslosigkeit und die desolate soziale Lage, allerdings erklären solche Theorien nicht alles.
Beide Erklärungen spielen auch in der MZ-Debatte eine zentrale Rolle. Welchen Einfluss messen Sie der sozialen Situation in den neuen Ländern bei?
Marneros: Ich bin ein überzeugter Anhänger der Persönlichkeit. Es stellt sich doch die Frage: Warum wird nicht jeder Arbeitslose automatisch gewalttätig? Das erklärt sich nur aus der Persönlichkeit. 85 Prozent der Gewalttäter kommen aus einem gestörten privaten Umfeld und haben auch Persönlichkeitsdefizite.
Ein besonderes Problem des Ostens?
Marneros: Nicht unbedingt, aber gesellschaftliche Korrektive sind hier geringer entwickelt. Zum Beispiel die Religion, die hier im Alltag kaum eine Rolle spielt: Nun ist nicht jeder, der sich den Werten einer Religion verbunden sieht, ein besserer Mensch. Aber generell kann religiöse Kultur eine Gesellschaft stabilisieren, weil sie Regeln schafft, die zu verletzen, von der Mehrheit nicht toleriert wird.
Also sehen Sie die gesellschaftliche Struktur hier als ein grundlegendes Problem?
Marneros: Seit der Wiedervereinigung erleben wir eine enorme soziale Mobilität, die asymmetrisch ist. Das heißt: Mobil sind die Leistungsfähigen. Es gehen auf der Suche nach einer besseren Zukunft in der Regel diejenigen weg, die hier zur Elite gehören und soziale Haltestrukturen bilden sollten.
Das heißt, das Problem wird sich weiter verschärfen . . .
Marneros: Ich weiß nicht, ob es im Jahr 2020 eine stärkere Ausländerfeindlichkeit gibt. Was ich aber weiß: Wir werden mehr Gewalt erleben, da die Gewaltbereitschaft wächst. Und die Gesellschaft schaut zu häufig weg, vor allem beim Rechtsextremismus. Ein Beispiel. Im Landgericht Halle läuft gerade ein Prozess, in dem es um eine Gewalttat geht, das Wort Rechtsradikalismus aber noch nie gefallen ist. Deshalb störte sich offenbar niemand daran, als eine Zeugin im Gericht nach vorn trat, deren Handtasche voll mit Neonaziaufklebern war. Erst als ich protestierte, bemerkten Gericht und Staatsanwaltschaft die Symbole. Die seien aber nicht verboten, sagte der Anklagevertreter.
Sie rechnen also mehr Taten in das rechtsextreme Spektrum, als die Statistik ausweist?
Marneros: Wesentlich mehr. Politik und öffentliche Meinung machen einen Fehler. Sie definieren "rechte Gewalt" opferorientiert. Ist das Opfer Ausländer oder Jude, gilt das Delikt als rechtsextrem. Ich plädiere statt dessen für einen täterzentrierten Ansatz.
Und Sie sind für härtere Strafen...
Marneros: Prinzipiell nicht, aber für die Ausschöpfung der vorhandenen Möglichkeiten. Ich bin aber generell gegen Bewährungsstrafen für Rechtsextreme, da ich immer wieder die Erfahrung mache, dass solche als Freispruch verstanden werden.
Welchen Anteil hat die DDR-Geschichte an der aktuellen Situation?
Marneros: Ich persönlich habe diese DDR-Erfahrung nicht, sondern eine andere Sozialisation. Persönlichkeitsformierende Ideale hat es aber auch in der DDR gegeben. Auch der Sozialismus ist ein Idealismus, wenngleich man lange darüber streiten kann, ob er das Richtige ist. Von viel größerer Bedeutung als die Frage, wie das System funktioniert hat, ist die Frage, welche Entwicklungen es in der Bevölkerungsstruktur gegeben hat. Denken Sie an den Weggang der bürgerlichen Klasse. Denken Sie an einseitige Strukturen, die sich durch die Existenz von riesigen Werken wie Buna oder Leuna gebildet haben. Und dann kam die Wende, die alle bisherigen Werte, Biografien und Strukturen erschütterte.
Wie kommt man an Menschen heran, die sich heute benachteiligt fühlen?
Marneros: Ich verstehe die Sensibilität der Menschen, die hier leben. Sie haben berechtigt Angst, dass ihre Lebensentwürfe entwertet werden und nehmen deshalb eine Verteidigungsposition ein. Eine kollektive Anklage in Ost-West-Klischees müssen wir deshalb vermeiden. Was wir brauchen, ist eine differenzierte Sicht
auf die Dinge. Wir dürfen so wenig wie möglich etikettieren und pauschalisieren. Vielmehr muss die Gesellschaft demonstrativ erklären: Wir isolieren denjenigen, der Gewalt gegen wen auch immer ausübt. Denn immerhin sind die, die die Mitte der Gesellschaft ausmachen, viel, viel mehr als die anderen. Die Verstärkung des kollektiven Selbstwertgefühls der Menschen im Osten ist also eine ganz wichtige Angelegenheit.