Rechtsextremismus
«Der Harz muss bunt bleiben»
Halberstadt und Quedlinburg wehren sich - NPD muss Demonstration verkürzen
VON Steffen Reichert, 16.09.07, 21:24h, aktualisiert 24.09.07, 14:14h

Farbenfroher Protest gegen Rechtsextremisten: 2 000 Quedlinburger verhinderten am Samstag in einer stundenlangen Aktion, dass die NPD auf dem Marktplatz der Weltkulturerbe-Stadt demonstrieren konnte. Die Rechtsextremisten musste ihre Route ändern. (MZ-Foto: Chris Wohlfeld)
Halberstadt/Quedlinburg/MZ. Angst? Angst ist ein großes Wort. Alexander Junghans überlegt einen Augenblick, bevor er auf die Frage antwortet. "Ich würde es eher ein flaues Gefühl nennen", sagt der Punk nach einigen Sekunden. Wenn er abends durch die leeren Straßen Halberstadts geht, und wenn er mit seinen bunten Haaren so richtig auffällt. Dann erinnert sich der 21-jährige Schauspieler natürlich an diesen Juniabend, als er mit seinen Kollegen von Rechtsextremen getreten und zusammengeschlagen wurde. Und er denkt daran, wie es seien wird, wenn er seinen Peinigern Anfang Oktober zum Prozess vor Gericht wieder gegenübersteht.
An diesem Freitagabend muss Alexander Junghans keine Angst haben. Die Straßen von Halberstadt, sie sind nicht leer. Im Gegenteil: 6 000 Menschen sind gekommen, um all jene Orte, Ecken und Straßen zu bevölkern, auf denen sich häufig die Mitglieder der rechten Szene der Harzstadt tummeln.
Begeistertes Publikum
"Auf die Plätze" hat das Ensemble des Nordharzer Städtebundtheaters seine einmalige Aktion genannt, die mit dem Glockenschlag des Harzer Doms Punkt 19 Uhr eröffnet wird. Und zwar mit einer Bühnenshow, die so bunt ist wie sein Schauspielensemble: Fast 20 Artisten singen unter dem Beifall eines begeisterten Publikums die Lieder, die seit mehr als 30 Jahren die Bühnen dieser Welt erobern: zur "Rocky Horror Show".
Auch Prominente zeigen Flagge. Sachsen-Anhalts Justizministerin Angela Kolb (SPD) und der Chef der Staatskanzlei, Rainer Robra (CDU), der Frontmann der Linkspartei Gregor Gysi und Grünen-Politikerin Undine Kurth sind gekommen, um auf verschiedensten Bühnen und in Podiumsdebatten der Frage nachzugehen, was diese Gesellschaft zusammenhält, und was man gegen rechte Rattenfänger tun kann. André Bücker, Initiator des Abends und zugleich Theaterintendant, ist denn auch sichtlich erfreut über die rege Anteilnahme. "Die Leute sind heute auf jenen Plätzen, wo sonst die Unkultur regiert."
Wie nötig das ist, wird trotz der ausgelassenen Stimmung auch an diesem Abend deutlich. Immer wieder trifft man in Halberstadt junge Leute, die hellblaue Zettel verteilen. "Querstellen!" prangt von dem Papier in fetten Lettern. Querstellen als Ausdruck von Zivilcourage. Denn im nahen Quedlinburg will am nächsten Tag die NPD demonstrieren. Erstmals seit 1945 marschieren Rechtsextremisten durch die Stadt - ein Umstand, der viele dort betroffen macht.
Aber nicht hilflos. So ist es eine ganz praktische Frage für die Halberstädter Initiatoren, jene Aufbruchstimmung auch nach Quedlinburg zu tragen. Denn nicht nur die Bilder, die aus der Weltkulturerbe-Stadt um die Welt transportiert werden, könnten fatal sein. Die Folgen der NPD-Demo-Ankündigung sind es schon ganz praktisch. Bereits am Morgen klagen die Mitarbeiter der Tourismus-Information, dass Fahrten kurzfristig abgesagt, dass Führungen zurückgegeben und Übernachtungen storniert worden sind. 1 500 Polizisten aus mehreren Bundesländern haben die Stadt hermetisch abgeriegelt. Quedlinburg ist eine Festung.
Viele sind gekommen
Und viele sind gekommen, um gegen Rechtsextreme zu protestieren. Quedlinburgs Oberbürgermeister Eberhard Brecht (SPD) steht vor dem Bahnhof. Jenem Ort, wie er sagt, an dem man normalerweise Gäste in Empfang nimmt. Aber diese Gäste will niemand haben. "Der neue Harzkreis", ruft Brecht ins Mikrofon, "soll nicht mit der Farbe braun verbunden werden. Der Harz muss bunt bleiben." Und noch etwas hat sich der Runde Tisch gegen Ausländerfeindlichkeit einfallen lassen. Bunte Seidentücher hängen aus den Fenstern. Der schmucke Markt erstrahlt in einem Meer aus Farben. Sonnenblumen werden verteilt, regenbogen-bunte "Pace"-Friedensfahnen hochgereckt. Rund 2 000 Quedlinburger haben den Weg in die Mitte ihrer Stadt gefunden, um mit ihrem stundenlangen Verharren jenes symbolische Bild zu verhindern, das die 240 Rechtsextremen aus ganz Sachsen-Anhalt gerne produzieren wollen. Die Demonstranten wollen verhindern, dass NPD-Fahnen zwischen den Fachwerkhäusern auf dem altehrwürdigen Markt flattern.
Eine Strategie, die aufgeht. Der Chef der Landesbereitschaftspolizei, Alfred Tilch, lässt kurzerhand umplanen. Der Marktplatz ist überfüllt, die Rechtsextremen müssen ihre Route ändern. Sie führt nun direkt zurück zum Bahnhof. Auf jenen Platz, wo man auch ungebetene Gäste am liebsten sieht - bei der Abreise.












































