Sachsen-Anhalt
Brauner Fleck im bunten Haus
Mietstreit um rechte Mode in «Grüner Zitadelle» eskaliert - Bischof verlangt Vertragsauflösung
VON Hendrik Kranert, 27.07.07, 20:53h, aktualisiert 27.07.07, 21:34h

Polizisten gehen am Freitag (27.07.07) in Magdeburg hinter an einem Bekleidungsgeschäft mit dem Namen «Narvik» vorbei. (Foto: ddp)
Magdeburg/MZ. Bei einer Tasse Kaffee will Norbert Diehl retten, was nicht mehr zu retten ist. Um neun Uhr bittet der Vorstandsvorsitzende der Magdeburger Gero AG den Sprecher des Bistums Magdeburg, Thomas Lazar, ins "Narvik". Jenem Laden im Magdeburger Hundertwasserhaus, der für die katholische Kirche zu einem Problem geworden ist.

Sachsen-Anhalts Justizministerin Angela Kolb (SPD) verteilte am Freitag vor dem umstrittenen Laden Info-Broschüren der Aktion «Hingucken». (Foto: Ulli Lücke)
Im "Narvik" wird nämlich seit Freitag unter anderem Bekleidung der bei Rechtsextremen beliebten Marke "Thor Steinar" verkauft. Quasi mit Billigung der katholischen Kirche, deren Gesellschaft die Gero AG ist und unter deren Dach wiederum das Siedlungswerk St. Gertrud sitzt. Dies hatte den umstrittenen Mietvertrag in dem als "Grüne Zitadelle" bekannten Haus abgeschlossen. Diehl versucht Lazar zu erklären, er solle sich doch mal anschauen, dass das hier alles nicht so schlimm sei. Doch Lazar lehnt nur kopfschüttelnd ab.
"Komplettes Sortiment"
Eine Stunde nach der gescheiterten Kaffeehaus-Diplomatie eröffnet das Geschäft wie geplant. Auf Kunden muss man nicht lange warten, fünf Minuten nach Ladenöffnung verschaffen sich wohl an die zehn vor allem junge Männer einen Überblick über das "komplette Thor-Steinar-Sortiment", wie es im Flyer angepriesen wird. Es gibt krude Germanen-Mythologie und verbrämte Nazipropaganda auf T-Shirts und Kapuzenjacken: Wie "Division Thor Steinar" in Anspielung auf den SS-General Felix Steiner. Oder die gestickte "99" - der Szene-Gag für "88", die für "HH - Heil Hitler" steht.
Die Preise sind alles andere als taschengeldfreundlich: Ein Shirt mit Markennamen ist für 35 Euro zu haben. Zwei Jugendliche haben daher die Mutter mit, die zahlen darf. Angela Kolb schüttelt bei diesem Anblick nur mit dem Kopf. Sachsen-Anhalts Justizministerin ist mit ihrem Staatssekretär Norbert Lischka (beide SPD) gekommen, um Aufkleber und Infomaterial zu verteilen. "Dieser Laden ist die denkbar schlechteste Visitenkarte für die gute Stube der Stadt und es beschmutzt den Namen Hundertwassers", sagt Kolb. Mit dem nötigen Wissen sei es relativ einfach, die Rechten zu entlarven: "Das Siedlungswerk hätte nur einmal im Internet googeln müssen, um zu sehen, welchen Mieter man sich ins Haus holt", so Kolb. Der Vertrag zwischen Siedlungswerk und dem Betreiber des Shops sorgt aber nicht nur in der Politik für Aufregung.
Andere Händler im Hundertwasserhaus sind empört, die Kundschaft ist schockiert: "Das kann ja wohl nicht wahr sein", sagt Jutta Stegmann. Die Magdeburgerin ist Stammkundin im Bioladen im Hundertwasserhaus und entrüstet: "Ich schreibe gleich eine E-Mail an den Bischof." Kurz nach halb elf erscheint dann der Ladeninhaber. Er ist auch Geschäftsführer der Mediatex GmbH, die "Thor Steinar" als Marke entwickelte. Der Mann lächelt freundlich und fragt nach dem Befinden. Als er jedoch um Interviews gebeten wird, reagiert er gereizt: "Ich sage nichts, sie schreiben ja ohnehin, was sie wollen." Spricht's und geht.
Streitgespräche
Derweil liefern sich Bistumssprecher Lazar und Staatssekretär Lischka einen heftigen Diskurs vor dem Laden. Er sehe kaum eine Chance, den über drei Jahre laufenden Mietvertrag zu kündigen, sagt Lazar. Lischka hält dagegen: Das Hundertwasserhaus sei im Besitz der katholischen Kirche und damit ein "Tendenzbetrieb". "Rechtsextremes Gedankengut und germanische Mythologie passten nicht zum Christentum, also könnte die Kirche kündigen", so Lischka.
Gegen eins wird es dann eng für Gero-Chef Norbert Diehl. Bischof Gerhard Feige hat ihn ins Bistum "einbestellt", wie aus Kirchenkreisen verlautet. Feige ist zornig, das Gespräch mit Diehl nur kurz. Darin wird Diehl von Feige angewiesen, alles zu unternehmen, um den Mietvertrag aufzulösen. Bis die Gero AG und ihre Siedlungswerk-Tochter dies öffentlich erklären, vergehen noch einmal drei Stunden. Dafür braucht Siedlungswerk-Chefin Kathleen Schechowiak nur eineinhalb Minuten, um eine vorgefertigte Presseerklärung zu verlesen. Man bedaure, dass es zum Abschluss des Mietvertrages ohne ausreichende Prüfung gekommen sei. "Unser Unternehmen schließt keine Verträge mit Mietern ab, die rechtsradikales Gedankengut transportieren wollen."
Als es Nachfragen hagelt, verlassen Schechowiak und Diehl fluchtartig das Hundertwasserhaus.












































