Kloster Eberbach
Jahrhunderte in Klarsichthüllen
Geschichtsträchtiges Mittelalter-Bauwerk wird aufwendig saniert
VON Wolfgang Harms, 21.12.06, 11:14h

Der Restaurator Thomas Dietrichsen begutachtet einen mit Kalkmörtel verspachtelten Riss im Deckengewölbe des ehemaligen Hospitals des Klosters Eberbach bei Eltville (Foto vom 05.12.2006). (Foto: dpa)
Eltville/dpa. Grau und ledrig krümmt sich die mumifizierte
Katze in ihre Klarsichthülle, der Aufkleber «Gewölbe 34» vermerkt den
Fundort. Ebenso säuberlich verpackt und beschriftet ist alles, was
sich auf der als Arbeitstisch aufgebockten Holztür ausbreitet: Da
liegt eine Taschenbibel mit Frakturlettern neben den Scherben einer
barocken Tonpfeife, ein zerknautschter Kinderschuh aus dem 19.
Jahrhundert neben einem zerfetzten Buchrücken mit der Jahreszahl
1612. Noch älter ist die bierdeckelgroße Glasscheibe, deren gotisches
Kleeblattmotiv durch die Staubschicht schimmert. Klaus Schmitt greift
nach einem unscheinbaren Stück Holz: «Das liebt der Archäologe
besonders.» Schließlich haben nicht viele Überreste mittelalterlichen
Holzgeschirrs bis in die Gegenwart überdauert.
Geborgen hat Schmitt die Zeugen der Vergangenheit im Kloster
Eberbach im Rheingau, im Schutt über dem 800 Jahre alten
Kreuzgratgewölbe des Hospitalbaus. Eberbach gilt neben Maulbronn als
einziges vollständig erhaltenes Zisterzienserkloster Deutschlands -ein Baudenkmal, das sich so viel Atmosphäre bewahrt hat, dass es in
den 80er Jahren als Kulisse für die Verfilmung des Mittelalter-Krimis
«Der Name der Rose» diente. Minnesänger und Ritter zogen noch umher,
als die Mönche sich im 12. Jahrhundert am Ausgang des engen Bachtals
niederließen und Bauten mauerten, die dauerhafter sein sollten als
Kaiser- und Königreiche. «Baufällig ist das nicht. Da wäre in den
nächsten Jahren nichts passiert», sagt Markus Hebgen, der
Geschäftsführer der Klosterstiftung, und balanciert über die
Holzplanken, die Schmitts Leute über das Gewölbe gelegt haben.
Gleichwohl hat sich in den Jahrhunderten ein ziemlicher
Sanierungsbedarf angesammelt, das meiste seit der Auflösung des
Klosters im Jahr 1803. Vor 20 Jahren haben Restauratoren und
Denkmalpfleger die Arbeit aufgenommen; jetzt haben sie den
Hospitalbau und damit den ältesten Teil der Anlage eingerüstet.
Als erstes legten Schmitt und seine Mitarbeiter die Gewölbedecke
des Erdgeschosses frei. Schicht um Schicht trugen sie Bauschutt,
Stroh, Reisig und Abfall ab, die einst als Füllmaterial für den über
die Spitzbögen gelegten Bretterboden dienten. Noch immer graben die
Helfer im Staub der Jahrhunderte. Gerade haben sie zwischen den
Kuppeln ein Rechteck aus Mauersteinen entdeckt. Ein Helfer reicht
Schmitt ein Bruchstück. Eine Seite ist schwarz verfärbt.
«Rußflecken», analysiert der Archäologe. «Ganz klar: Das war ein
Heizungskamin. Von wegen Askese.»
In ihrer Anfangszeit hatten die Zisterzienser jeden Komfort
abgelehnt. Sie suchten Einfachheit und Abgeschiedenheit. Ihre Klöster
bauten sie außerhalb der Städte, und statt Bauern den Zehnten
abzunehmen, ernährten sie sich von eigener Arbeit in Garten, auf
Äckern und - schließlich stand das Mutterkloster in Burgund -Weinberg. Eberbach rühmt sich heute, die Keimzelle des deutschen
Weinbaus zu sein.
Tatsächlich wurde das Kloster rasch zum größten Weingut des
Mittelalters - Zentrum eines Agrarunternehmens mit weit gespannten
Vermarktungswegen. Eigene Transportschiffe brachten die Fässer
rheinabwärts zum Umschlagplatz Köln. In manchen Jahren deckte der
Weinverkauf mehr als die Hälfte der Einnahmen, von denen zeitweise
200 Mönche und 400 Laienbrüder lebten. «Ein Klosterweingut, zumal mit
solchen Dimensionen, ist in Deutschland eine ziemlich einzigartige
Angelegenheit», urteilt Hessens Landesdenkmalpfleger Gerd Weiß.
Gleichzeitig wichen die asketischen Ideale der Ordensgründer
barocker Pracht. Die Äbte umgaben sich mit Dienern, ließen sich
Wohnungen mit Stuckdecken und ein Gartenhaus errichten. Der
mittelalterliche Hospitalbau - der weniger Krankenhaus als
Pilgerherberge und Altenheim war - wurde zum Weinlager und diente
noch bis in die 50er Jahre als Kelterhaus.
Deshalb muss sich Thomas Diedrichsen heute unter anderem mit den
vielen Schattierungen der Farbe Schwarz beschäftigen. Während die
Archäologen sich von oben durch den Staub wühlen, bessert der
Restaurator von unten aus. Dazu hat er einen Bretterboden unter das
Gewölbe gelegt. Baustrahler werfen grelles Licht auf den pechfarbenen
blasigen Belag, der die Steine vollständig bedeckt. «Schwarzes
Kellertuch» heißt der Pilz, der sich vom Alkoholdunst ernährt und
wegen seiner ausgleichenden Wirkung auf das Raumklima bei Winzern
gern gesehen ist. In Eberbach ist er - weil dort schon lange kein
Wein mehr lagert - zwar längst abgestorben, aber die Denkmalpfleger
wollen ihn der optischen Wirkung wegen erhalten.
Zur Zeit ziehen sich aber an vielen Stellen kalkweiße Adern durch
die Gewölbebögen. Dort haben Diedrichsen und seine Kollegen Risse
geschlossen: Die breiteren haben sie mit mit Mörtel verfugt, die
feineren zunächst nur mit einem Bindemittel abgedichtet, um den Riss
dann von oben zu verfüllen. Dafür werden sie noch einige Wochen
brauchen. Ist das geschehen, werden die Risse übermalt. Penibel hat
Matthias Wilk vom Hessischen Baumanagement die Schwarz- und Grautöne
erfasst, die zu rekonstruieren sind: «Es sind jede Menge. Aber wenn
man einfach mit der Farbwalze drüberginge, wären Sie entsetzt. Die
Patina der Geschichte wäre tot.» Die Schwarzmalerei sei nicht weniger
aufwendig als die Restaurierung eines farbenprächtigen Wandgemäldes.
Diese und andere Sanierungsarbeiten am Kloster hat sich das Land
Hessen bislang 52 Millionen Euro kosten lassen. Die jährlichen
Ausgaben liegen im Schnitt bei drei Millionen Euro. «Wir werden noch
gut zehn Jahre brauchen», schätzt Hebgen. Sein Faible für Geschichte
und Theologie kann der gelernte Verwaltungsmann in Eberbach voll
ausleben. Obwohl erst seit einigen Monaten im Amt, betet er Daten und
Anekdoten der Klosterchronik herunter wie einen Rosenkranz: «Früher
wurden hier 385 Reliquien von 105 Heiligen aufbewahrt. Darunter waren
Haare, Milch und der Schleier Marias, ein Zahn Johannes' des Täufers,
Blut und Windeln von Jesus sowie Stroh aus seiner Krippe.»
Hebgen erzählt von zwei frühen Äbten, die aus der Chronik getilgt
wurden, weil sie im Streit zwischen Papst und Kaiser auf der falschen
Seite standen; von ihrem Nachfolger, der bei Auseinandersetzungen mit
den Laienbrüdern erschlagen wurde, von den bei den Plünderungen des
30-jährigen Kriegs verschwundenen Handschriften, die jetzt in Oxford
liegen. Und gerne führt er seine Besucher an die Stellen, wo 1985
Sean Connery in Mönchskutte den William von Baskerville gab. Als er
noch Mitarbeiter der rheinland-pfälzischen CDU-Landtagsfraktion war,
wurde Hebgen nervös, «wenn mal zehn Minuten das Handy nicht
klingelte». Heute genießt er die Ruhe an seinem Arbeitsplatz, wo er
noch 200 Jahre nach dem Wegzug der Mönche Spiritualität spürt.
1803 bemächtigten sich die deutschen Fürsten und Könige kurzerhand
der Kirchengüter; sie entschädigten sich damit für Gebiete, die sie
an Napoleon verloren hatten. Eberbach fällt zunächst ans Herzogtum
Nassau, das die abgelegene Anlage als Irrenhaus und Frauengefängnis
(«Korrektionsanstalt») nutzt.
Kunsthistorische Bedenken sind den neuen Herrschern fremd: Sie
lassen den Kreuzgang teilweise abreißen, um mit den Steinen eine
dekorative künstliche Ruine im Park des Biebricher Schlosses zu
errichten. Kupferne Dachrinnen aus Eberbach schmücken mit ihren
Drachenköpfen und Verzierungen heute das Wiesbadener Kurhaus. Die
Hauptzufahrt zur Klosteranlage wird ohne Rücksicht auf die im Wege
stehende Abteikirche gelegt: Fuhrwerke rollen mitten durch den
Vorraum der mittelalterlichen Basilika. 1866 wird Eberbach preußisch,
nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es in den Besitz des Landes Hessen.
Eine Zeit lang dient das Kloster als Flüchtlingsunterkunft.
All das lässt von der Inneneinrichtung wenig übrig. Einen einzigen
Schrank aus dem ursprüngliche Mobiliar hat Hebgen bei Amtsantritt
vorgefunden. «Das Glück und die Tragik Eberbachs» nennt er die
Geschichte nach 1803 - denn so sehr das Bauwerk unter seiner
Zweckentfremdung als Gefängnis und Irrenhaus litt, so verdankt es ihr
doch, dass es überhaupt noch steht. Immerhin war es den neuen
Herrschern überhaupt noch zu etwas nutze: «Sonst hätte man es wohl
abgerissen», sagt Hebgen.
Denkmalpfleger Weiß will die Spuren der späteren Nutzung
keineswegs beseitigen. In den Dachgeschossen etwa erinnern alte
Zellentüren an die Gefängniszeiten. Nicht einmal den zwischen Romanik
und Gotik changierenden Hospitalbau - einer der wenigen seiner Art in
Deutschland - sollen die Restauratoren in den Zustand von vor 800
Jahren zurückversetzen. Ein Grund ist, dass man ihn kaum kennt: «Wir
wissen ja gar nicht, wie der Innenraum wirklich aussah; vermutlich
war er voller Holzverschläge.» Praktische Probleme kommen hinzu. Seit
Nassauer Zeiten ist die Säulenhalle rund 60 Zentimeter niedriger als
vorher - man hatte kurzerhand einen neuen Fußboden aufgeschüttet und
dafür die Basen der meisten Säulen abgeschlagen. Sie müssten
aufwendig restauriert werden.
Zu den Prunkstücken der bisherigen Sanierung gehört das
Laiendormitorium, mit 83 Metern Länge der größte mittelalterliche
Profansaal in Deutschland. Das frühere Schlafgemach für bis zu 300
Menschen bietet heute ein stimmungsvolles Ambiente für Tagungen,
Bankette, Preisverleihungen, Ausstellungen und Weinversteigerungen.
Das Dormitorium steht mit 3000 Euro Tagesmiete auf der Liste, ebenso
die dreischiffige Klosterkirche, die mit ihrem lang ausschwingenden
Nachhall gerne für Konzerte des Rheingau Musik-Festivals gebucht
wird.
Solche Einkünfte finanzieren den laufenden Unterhalt des Klosters,
das seit 1998 eine Stiftung ist. Das Land Hessen zahlt dagegen die
groß angelegte Generalsanierung und nutzt das Kloster für
repräsentative Empfänge. Kaum ein Staatsgast verlässt das Bundesland
ohne einen Abstecher nach Eberbach.
Aber auch ohne Prominente kommen pro Jahr Tausende Besucher nach
Eberbach. Neben der Architektur und der Vinothek der hessischen
Staatsweingüter erwartet sie dort auch ein kleines Museum mit den
wichtigsten Fundstücken aus den Sanierungsarbeiten. Ob dort eines
Tages auch Objekte aus dem Schutt über dem Hospitalgebäude liegen
werden, weiß Hebgen noch nicht. Unter anderem hängt das davon ab, für
wie wertvoll die Experten die Fundstücke halten. Hebgen hofft, dass
vielleicht noch mehr von den kleinen Glasrechtecken mit dem Kleemotiv
gefunden werden: «Dann könnte man vielleicht ein ganzes Fenster
rekonstruieren.»

























