Axel Springer AG
Vorfahrt für Online-Medien
Nachrichten werden nicht für Printprodukte zurückgehalten - Zentralredaktion koordiniert
VON Rolf Westermann, 17.11.06, 16:31h

«Das ist fast eine Revolution», meint der Chefredakteur der «Welt am Sonntag», Christoph Keese, der auch die «Welt Online»-Redaktion leitet. (Screenshot: mz-web)
Berlin/dpa. Deutschlands größter Zeitungsverlag, die Axel Springer AG, startet in ein neues Nachrichtenzeitalter. Für die vier Titel «Die Welt», «Welt kompakt», «Welt am Sonntag» und «Berliner
Morgenpost» gilt künftig die Devise «Online first»: Alle wichtigen Nachrichten gehen sofort ins Internet und werden nicht mehr für die gedruckten Ausgaben zurückgehalten. Eine neue Zentralredaktion im 15. Stock des Springer-Hochhauses in Berlin verteilt die Inhalte auf zwei Internetportale, vier Zeitungen, SMS-Dienste und andere Angebote.
«Das ist fast eine Revolution», meint der Chefredakteur der «Welt
am Sonntag», Christoph Keese, der auch die «Welt Online»-Redaktion
leitet. «Wir nehmen Online gleich wichtig wie die gedruckte Zeitung
und schützen die Texte nicht mehr bis zum Abend.» Sein Kollege bei
der «Berliner Morgenpost», Carsten Erdmann, ist überzeugt: «Die
Klientel im Internet ist eine völlig andere als bei einer Zeitung. Es
gibt deshalb keine Konkurrenz, sondern sogar mehr Reichweite.»
Die Steuerung der Nachrichtenströme für eine Zeitungsauflage von
täglich rund 450 000 Exemplaren und das Internet mit über einer
Million Seitenabrufen ist hoch sensibel. Dazu wurde in Berlin der
nach Verlagsangaben «größte integrierte Newsroom» Deutschlands mit 55
Arbeitsplätzen auf 408 Quadratmetern eingerichtet. Dort sitzen die
wichtigsten Blattmacher der Ressorts, Online-Redakteure und die drei
Chefredakteure der Zeitungsgruppe. Sie stimmen auf Zuruf ab, in
welchen Kanal Bilder, Texte, Videos, Hörstücke und Grafiken gehen.
Seit August laufen die Proben. Nach Inbetriebnahme des «Newsrooms» am
Freitag soll Anfang 2007 das neu konzipierte Portal «WeltOnline»
gestartet werden - laut Keese ein hochwertiges journalistisches
Angebot mit vielen Mitwirkungsmöglichkeiten der Nutzer.
Damit es im Großraum nicht drunter und drüber geht, gibt es
strenge Regeln: So sind keine Büropflanzen erlaubt, um die
Verständigung nicht zu behindern und den Blick auf die riesigen
Videoleinwände frei zu halten. Da die Arbeitsplätze von 6.00 Uhr bis
0.30 Uhr wechselnd besetzt sind, darf auf den Schreibtischen nichts
liegen bleiben. Die Putzkolonne wirft bis zum Beginn der Frühschicht
alles weg, was nicht fest auf dem Tisch verankert ist.
Springer trägt mit der Umgestaltung den veränderten Gewohnheiten
vor allem junger Menschen Rechnung, die mehr im Internet surfen und
weniger Zeitung lesen. Außerdem will der Verlag vom steigenden
Online-Werbeumsatz profitieren. Der Verlagsgeschäftsführer der
Zeitungsgruppe «Welt/Berliner Morgenpost», Peter Würtenberger,
betont: «In Großbritannien hat die Online-Werbung bereits die Print-
Werbung überholt.» Er will auch weitere Einnahmequellen erschließen:
«Es liegt nahe, diese Premium-Positionierung auch für die Vermarktung
von Produkten der höheren Preisklasse zu nutzen.»
Nach der Fusion von «Berliner Morgenpost» und «Welt» 2002 kommt
damit erneut eine durchgreifende Umorganisation auf die Redaktionen
zu. Gleichzeitig gibt es mehr Konkurrenz unter den Internet-
Nachrichtenanbietern wie «Spiegel Online», «faz.net» oder «stern.de».
Der Verlag folgt Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, der im Mai
in einem Aufsatz für die «Welt» Befürchtungen über den Untergang der
Zeitungen zurückgewiesen hatte. Nach seiner Einschätzung sind
exklusive Neuigkeiten, eigenständige Meinungen und Artikel in
eindringlicher Sprache auch in Zukunft gefragt - aber irgendwann
einmal vor allem digital. Seine Schlussfolgerung lautet: «Wir
Verlagsmanager müssen uns deshalb noch bewusster werden, dass unser
Geschäft nicht das Bedrucken von Papier ist, sondern Journalismus.»












































