Ausstellung
800-jährige Ära wird dargestellt
Doppelschau über das Heilige Römische Reich in Berlin und Magdeburg beginnt
VON Sabine Heimgärtner und Thomas Kunze, 21.08.06, 13:48h, aktualisiert 01.09.06, 13:27h

Restaurator Tilmann Krause justiert am 15.08.2006 beim Aufbau der Landesausstellungen von Sachsen-Anhalt «Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation» im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg eine Kirchenreliquie aus der Stauferzeit. (Foto: dpa)
Berlin/Magdeburg/dpa. Vor 200 Jahren legte Kaiser Franz II. die
Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation nieder.
Sang- und klanglos endete damit das 962 von Otto dem Großen
begründete Reich. Aus Anlass des 200. Jahrestages wird die mehr als
800-jährige Ära des Reichs vom 28. August an erstmals in einer großen
Doppelausstellung in Magdeburg und Berlin dargestellt - anhand von
zusammen rund 1100 historischen Schaustücken. «Es ist ein
einzigartiges Projekt», sagt die Kuratorin der Berliner Schau, Jutta
Götzmann. Und der Direktor des Kulturhistorischen Museums Magdeburg,
Matthias Pule, schwärmt: «Eine solche Ausstellung über die
gigantische Zeitspanne von 850 Jahren hat es noch nie gegeben.»
In Magdeburg wird unter dem Motto «Von Otto dem Großen bis zum
Ausgang des Mittelalters» die gesamte mittelalterliche
Reichsgeschichte bis zu Maximilian I. nachgezeichnet. Der
neuzeitliche Teil der Reichsgeschichte «Altes Reich und neue Staaten
1495-1806» ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin
repräsentiert. Die Doppelschau unter Schirmherrschaft von
Bundespräsident Horst Köhler ist bis zum 10. Dezember zu sehen.
Seit 2002 sind beide Häuser mit den Vorbereitungen beschäftigt.
«Von vornherein war klar, dass ein solches Großunternehmen nicht von
einem Museum allein geschultert werden kann», sagt Götzmann. Das
Bindeglied zwischen beiden Ausstellungen ist Maximilian. «In
Magdeburg erscheint er als der letzte Ritter, in Berlin als Kaiser»,
erläutert die Historikerin.
170 Museen aus 13 europäischen Ländern und den USA haben Leihgaben
bereitgestellt. Die Kostbarkeiten der vom Europarat ausgezeichneten
Ausstellung umfassen Goldschmiedearbeiten, Sakral-Utensilien,
Grafiken, Gemälde, Skulpturen, Rüstungen, Münzen, Urkunden und
Bücher.
In Magdeburg ist auf 2000 Quadratmetern unter anderem die berühmte
Heidelberger Liederhandschrift, der so genannte Codex Manesse, zu
sehen. Sie enthält prachtvolle Darstellungen des Minnedichters
Walther von der Vogelweide, des Tannhäusers und Kaiser Heinrichs VI..
Weitere herausragende Objekte sind die aus Prag geschickte Goldene
Bulle, das unter Karl IV. verfasste «Grundgesetz» des Reiches, und
die Magdeburger Elfenbeintafeln aus dem New Yorker Metropolitan
Museum.
In der Berliner Schau mit insgesamt 1500 Quadratmetern
Ausstellungsfläche wird zum Beispiel eine Bronzebüste Karls V. aus
Windsor Castle gezeigt, die einst dem Herzog von Alba gehörte. Von
der österreichischen Burg Forchenstein kommt eine wertvolle Tischuhr
in Form eines kaiserlichen Doppeladlers.
«Erst durch den Fall des Eisernen Vorhangs konnte man überhaupt
daran denken, ein solches Thema, das geographisch heute große Teile
Europas umfasst, darunter Gebiete der früheren Ostblock-Staaten, zu
präsentieren», betont Puhle. «Zudem hat sich das Nationalgefühl
verändert, und wir stehen nicht mehr unter Nationalismusverdacht.»
Noch vor zehn Jahren hätten zahlreiche europäische Staaten ein
Projekt «Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation» argwöhnisch
aufgenommen. «Heute sind die Europäer in unserer Ausstellung
versammelt, wir zeigen den großen historischen Bogen auf und
dokumentieren in einer Abteilung auch die Nachwirkungen des Reiches
auf die einzelnen Nationen im 19. und 20. Jahrhundert.»
«Die europäische Perspektive ist uns sehr wichtig», ergänzt
Götzmann. «Bei allen Unterschieden hatte das Heilige Römische Reich
strukturelle Ähnlichkeiten mit der Europäischen Union mit ihrer
Vielfalt der Nationen und Sprachen. Bei der Bewältigung der Probleme
kann der Rückblick auf die Geschichte helfen.»

























