Literatur
Bachmann-Preis wird zum 30. Mal vergeben
Autoren im Ring: Große Öffentlichkeit durch Fernseh-Übertragungen
VON Irmgard Schmidmaier, 19.06.06, 08:03h
Klagenfurt/dpa. Tränen, Blut und jede Menge Worte: Das
Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt in Österreich
ist eines der spektakulärsten Foren für Literatur im
deutschsprachigen Raum - nicht zuletzt wegen der großen
Öffentlichkeit durch die Fernseh-Übertragungen. Junge Talente hoffen
auf eine Eintrittskarte ins literarische Establishment, etablierte
Autoren wollen es noch einmal wissen und stellen sich den
öffentlichen Jurydebatten. In seinem 30. Jahr ist der Wettbewerb
aller Kritik zum Trotz längst zur festen literarischen Institution
geworden.
Ein wenig zu gefestigt, finden manche Beobachter. Denn
spektakuläre Auftritte sind selten geworden bei dem dreitägigen
Wettbewerb, der nach der bekannten österreichischen Schrifstellerin
Ingeborg Bachmann (1926-1973) benannt ist. 23 Jahre ist es etwa her,
dass sich Rainald Götz mitten in seiner Lesung mit einer Rasierklinge
die Stirn zerschnitt und blutüberströmt weiter las. Heute regiere die
Anpassung, das Schielen auf positive, freundliche Selbstdarstellung,
ist von Veteranen zu hören.
In stetem Wechselspiel gerieten im Laufe der Jahre mal die
Qualität der Texte, mal die Jury selbst ins Kreuzfeuer. Da wurde
bemängelt, dass kaum ein Unterschied im literarischen Niveau zwischen
dem Wettbewerb und der «Häschenschule», dem begleitenden
Literaturkurs für junge Talente auszumachen sei. In der Tat gab es
Jury-Debatten, die nach fünf Minuten zu Ende waren, weil den Juroren
zum Gebotenen einfach nichts mehr einfiel.
Daraufhin wurde das Reglement dahin gehend geändert, dass nur mehr
Autoren zugelassen wurden, die bereits Texte veröffentlicht hatten.
Das wiederum rief den Einwand hervor, dass Außenseiter keine Chance
hätten und die Marktgesetze der Buchbranche in die Auswahl der
Kandidaten hinein regiere. Ein anderes Mal wieder gerieten die
Kritiker unter Beschuss, wenn die Debatten in ein akademisches
Oberseminar mündeten.
Fehlende Schärfe in einem Jahr, wo selbst schwache Texte noch
freundlich gelobt wurden, wechselte mit unangemessener Schärfe im
nächsten Jahr, wenn eben noch siegessicheren Teilnehmern angesichts
vernichtender Urteile die Tränen in die Augen stiegen. Die Juroren
räumen ein, dass man sich durchaus im Eifer des Gefechts - und mit
Schielen auf eine schöne rhetorische Pointe - zu unbeabsichtigter
Härte versteigen kann. «Manchmal will man schon etwas zurücknehmen»,
gibt der Wiener Juror Klaus Nüchtern zu.
Auch Fehlurteile muss sich das Klagenfurter Rund vorwerfen lassen:
Arno Geiger etwa, der mit seinem Romanauszug 2004 bei der Jury
durchfiel, erhielt für das fertige Werk «Es geht uns gut» ein Jahr
später in Frankfurt/Main den ersten Deutschen Buchpreis. Ebenso
heimste Juli Zeh, die dem Literatur-Ring 2004 arg zerzaust entstieg,
für das veröffentlichte Werk später viel Lob von Kritik und Publikum
ein.
Trotz der immer währenden Kritik am «schönsten Betriebsausflug der
Literaturszene» und trotz der Unkenrufe, der Wettbewerb habe sich
überlebt, gibt es bei den Veranstaltern keinen Zweifel an einer
Zukunft. «Klagenfurt ist die Champion's League der deutschsprachigen
Literatur», meint Willy Mitsche, Landesdirektor Kärnten des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks ORF. Und Hauptsponsor Telekom hat
einen neuen Vertrag über zehn Jahre abgeschlossen.
Für Teilnehmer und vor allem Preisträger war Klagenfurt jedenfalls
in den meisten Fällen ein Gewinn. Zwar schimpfen Ehemalige darüber,
dass das Auftreten und die persönlichen Vorlieben der Juroren die
Debatten mehr bestimmt hätten als die Texte. Viele fühlten sich auch
missverstanden und konnten Jurydiskussionen überhaupt nicht
nachvollziehen. Aber vom Etikett «Bachmannpreis-Teilnehmer» erhoffen
sich Kandidaten nach wie vor einen Türöffner-Effekt in der
Literaturszene. «Als Schriftsteller brauche ich Aufmerksamkeit für
meine Arbeit», meint etwa der österreichische Kandidat Hanno Milesi:
«In Klagenfurt dabei zu sein, ist allein schon gut.»


























