Sensationsfund
Der Heiland steigt aus dem Bücherkeller
Rund 1 100 Jahre altes «Heliand»-Fragment in Leipzig entdeckt
VON Christian Eger, 18.05.06, 21:33h, aktualisiert 18.05.06, 21:51h
Leipzig/MZ. Was er suchte, fand er nicht. Was er fand, hätte niemand zu suchen gewagt. Ein Sensationsfund, tatsächlich. Thomas Döring jedenfalls, Mitarbeiter des Bereichs Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Leipzig, war Donnerstag der Mann des Tages. Dicht gefüllt war der Saal der Universitätsbibliothek. Kollegen, die Presse, das Fernsehen. Weil da vor der Saalfront etwas in einem abschließbaren Glaskasten stand, das vor wenigen Tagen noch höchstens ein Achselzucken ausgelöst hätte.
Mit schiefem Kopf
Vor drei Wochen hatte Döring, wie er sagt, "irgendein Buch" aus dem Depositum der Leipziger Thomaskirche zu beschaffen, jenem Buchbestand, der seit über 300 Jahren der Universitätsbibliothek zur Verwahrung übertragen ist. Eine aufwändige Suche. Auf Schienen gesetzte Regale mussten verschoben werden. Um sich die Wartezeit zu vertreiben, sagt Döring, sei er "mit schiefem Kopf" die Buchreihen entlang spaziert. Sein Blick traf auf einen kleinen Oktavband, eingebunden in beschriebenes Pergament. Karolingische Schrift, mehr als 1 000 Jahre alt. Vor allem: Kein Latein! Döring griff zu, trug das Büchlein zu den Handschriftenexperten. Minuten später klingelte das Handy des Leipziger Altgermanisten Hans Ulrich Schmid. Man habe da etwas Merkwürdiges entdeckt.
Schmid erkannte es sofort: Ein Fragment aus dem so genannten "Heliand". Eine um 830 verfasste Nachdichtung der Evangelien, die ein unbekannter Autor in einem norddeutschen Kloster aufgeschrieben hat. Eines der frühesten Zeugnisse deutscher Dichtung überhaupt. Schriftsprache: Althochdeutsch. Versart: Altgermanischer Stabreim. Die Zeilen werden nicht durch Gleichklang am Ende, sondern durch Wörter mit demselben Anlaut gebildet. " Gangat gahalico endi giduat it them is giungarom kud", das heißt: "Gehet schnell und tut es seinen Jüngern kund".
Der Titel "Heliand", der "Heiland" oder "Erlöser" meint, ist eine Erfindung des ersten Herausgebers des Werkes Johann Andreas Schmeller (1785-1852). Nur in zwei unvollständigen handschriftlichen Büchern ist die althochdeutsche Dichtung in London und München überkommen, sowie in Einzelblättern in Berlin, Straubing und im Vatikan. Das beidseitig beschriebene Leipziger Blatt zeigt in Format und Sprachstand große Ähnlichkeit mit dem 1880 in Prag entdeckten und 1952 offiziell nach Berlin geschenkten Fragment: hier wie dort 23 Zeilen pro Seite. Erzählt wird in 50 Versen die Episode von den Frauen, die am leeren Grabe Jesu zwei Engeln begegnen, die ihnen die Auferstehung verkündigen. Diese Szene ist auch im "Heliand"-Exemplar der British Library vorhanden, in der Leipziger Fassung allerdings rund 100 Jahre älter.
Luther las mit
Das Leipziger Blatt umhüllte zwei Bücher in einem: darunter ein 1608 in Wittenberg veröffentlichter Aristoteles-Kommentar von Jacob Martini. Man geht davon aus, dass die "Heliand"-Handschrift, aus der das Donnerstag in Leipzig präsentierte Fragment stammt, zwischen 1600 und 1610 im mitteldeutschen Raum zerschnitten worden sei, entweder in Wittenberg oder in Leipzig. Auch das Berliner Blatt kleidete ein Buch zum studentischen Gebrauch. Luther und Melanchthon hatten den "Heliand" noch nachweislich gelesen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Leipziger Blatt zu jenem Buch gehörte, das durch die Hände der Reformatoren gegangen ist.


























